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«Die Indigenen werden in keinem Schulbuch erwähnt»

Peru Er ist der wichtigste Ansprechpartner von Papst Franziskus bei dessen Besuch im Amazonasgebiet in Peru: Bischof David Martinez de Aguirre. Der 48-jährige gebürtige Baske ist ein ausgewiesener Experte. Seit 2002 lebt er im Amazonasgebiet, lernte Indigenasprachen und verbrachte Wochen auf Einbäumen und in Hängematten. Was der Projektpartner des Hilfswerks Adveniat dabei über die Welt der Indigenen gelernt hat, erzählt er im Interview.

David Martinez de Aguirre, die Bischöfe haben die länderübergreifende Amazonas-Gruppe Repam gegründet. Worum geht es dieser Gruppe?

Der Amazonas ist in Wirtschaft und Politik sehr wohl präsent, aber eben nur seine Ressourcen wie Öl, Gas, Gold, Kautschuk, Süsswasser. Was sie dabei vergessen, sind die Menschen, die hier leben, und ihre Kultur. Dabei sind sie der eigentliche Schatz des Amazonas, den es zu bewahren gilt. Unter Indigenen verstehen Peruaner tote Kulturen wie die Inkas. Sie können stundenlang bedauern, wie diese Kulturen durch die spanische Eroberung zerstört wurden, aber keiner redet davon, dass das heute und jetzt im Amazonas wieder passiert. Die indigenen Amazonaskulturen werden in keinem Schulbuch auch nur erwähnt.

Diese Missachtung spiegelt sich inzwischen auch in den indigenen Gemeinden wider. Manche Gemeinden lehnen zum Beispiel den zweisprachigen Unterricht ab.

Das hängt von der Gruppe ab. Je kleiner die Gruppe und je stärker ihre Eingliederung in die westliche Welt, desto häufiger kommt es zu Diskriminierung. Alles Indigene wird von der Aussenwelt negativ bewertet. Die indigenen Jugendlichen verstecken dann ihre Sprache und Kultur. Ihre Eltern haben oft selbst sehr gelitten in der Schule und nie richtig Spanisch gelernt, was sie ihren Kindern ersparen wollen. Das heisst aber nicht, dass sie ihre Mythen, ihre Lebensweisen, ihre Wurzeln oder ihre Familienbande vergessen wollen. Sie möchten wie alle Eltern, dass ihre Kinder es besser haben.

Wie kann die Kirche darauf reagieren?

Die Sprache ist das Schlüsselelement der kulturellen Identität. Die Amazonasindigenen definieren ihre Zugehörigkeit zu einer Gruppe nach der Sprache, die sie sprechen. Deshalb müssen wir diese bewahren. Dann müssen wir das Selbst­bewusstsein stärken und versuchen, den indigenen Gemeinden für die interkulturelle Problematik die Augen zu öffnen. Neben der pastoralen Arbeit geschieht das vor allem über Bildung. Keine technokratische, sondern eine ganzheitliche, die auch Werte mit einbezieht. Rein technisches Wissen reduziert den Menschen und hinterlässt eine grosse Leere.

Welche Auswirkungen hat der Bergbau auf die indigenen Gemeinden?

In Madre de Dios trifft man mitten im Urwald auf eine Mondlandschaft. Die Umweltzerstörung ist schockierend. Indigene Gemeinden, die früher drei Tage Bootsfahrt von der nächsten Siedlung entfernt waren, sind nun per Motorrad in einer halben Stunde zu erreichen. Vielerorts sind die Indigenen geradezu umzingelt. Das bringt unzählige Probleme mit sich, etwa wenn indigene Frauen Beziehungen zu Goldschürfern oder Siedlern eingehen. Die Gemeinde steht dann vor dem Dilemma, ob sie die Aussenstehenden in ihrer Gemeinschaft aufnehmen wollen oder nicht.

Viele Gemeinden bedauern, dass der Bergbau sie gespalten hat, denn manche Familien schürfen selbst oder erteilen Konzessionen, andere sind dagegen.

Die Amazonasindigenen sind von Haus aus in Familienclans organisiert, im Gegensatz zur gemeinschaftlichen Struktur der Hochlandindigenen. Die freundschaftlichen oder feindlichen Beziehungen und Allianzen werden von den Clans geschmiedet. Geld ist leider überall auf der Welt ein Faktor, der spaltet und die schlechtesten Seiten zum Vorschein bringt. Und kapitalstarke Industrien wie Erdöl und Bergbau beschleunigen diese Spaltungsprozesse.

Aber der Bergbau bringt ja auch Ressourcen in diese Gemeinden.

Ich habe gehofft, dass sich dadurch die Situation bessert. Aber nur sehr selten ist das Ergebnis eine nachhaltige Entwicklung. Die Goldwäscher brauchen viel Land und viele Arbeitskräfte, und ihr Eingriff ist dauerhaft und schädlich. Die meisten Goldgräber kommen von ausserhalb, und es ist ihnen egal, was sie hinterlassen. Die Indigenen hingegen bleiben im Wald, der ihre Welt, ihre Religion, ihre Apotheke, ihr Supermarkt ist. (swp)

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