«Die Herrschaft der Angst»

Mit Al Qaida verbündete jihadistische Rebellengruppen wollen in Syrien die «iranische Flut» bekämpfen und werden dabei aus dem Königreich Saudi-Arabien unterstützt.

Michael Wrase
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LIMASSOL. In der syrischen Wirtschaftsmetropole Aleppo gelten die jihadistischen Rebellen als «schwarze Monster». Das war aber nicht immer so. Als die Kämpfer des Al-Qaida-Ablegers «Islamischer Staat im Irak und Syrien» (ISIS) im Frühling Teile Aleppos besetzt hatten, wurden sie von der Bevölkerung als Befreier begrüsst.

Folter und Exekutionen

In den so genannten «befreiten Gebieten» Syriens haben die Jihadisten eine «Herrschaft der Angst» errichtet, heisst es in einem diese Wochen veröffentlichten Bericht von Amnesty International: Folterungen mit Elektrokabeln und Hinrichtungen von Syrern, die von Sharia-Gerichten als «Ungläubige» oder «Kollaborateure» verurteilt werden, sind an der Tagesordnung.

Schwarz vermummte «ISIS»-Aktivisten peitschen Jugendliche aus, die gestohlen haben sollen. «Bei 94 Peitschenhieben habe ich aufgehört zu zählen», zitiert Amnesty einen Zeugen, dem die Flucht in die Türkei gelang.

Das von Jihadisten eroberte «Herrschaftsgebiet der Angst» ist inzwischen fast so gross wie die Schweiz. «ISIS»-Krieger kontrollieren zwei Grenzübergänge zur Türkei. Von dort erstreckt sich ein breiter Korridor über Aleppo bis zur irakischen Grenze. Provisorische Hauptstadt des «Islamischen Staates» ist die Millionenstadt Rakka im Euphrat-Tal. Jihadisten kämpfen aber auch bei Damaskus, wo sie in der vergangenen Woche ein Massaker verübt haben.

Das arabische Öl schützen

Die meisten arabischen Medien verschweigen nicht nur die Greueltaten der islamistischen Extremisten. Das aus Qatar sendende Fernsehen «Al Jazira» strahlte am Donnerstag ein Exklusiv-Interview mit Abu Mohammed al-Joulani aus, dem Führer der ebenfalls mit Al Qaida verbündeten Nusra-Front. In dem Gespräch konnte sich der mit dem Rücken zur Kamera sitzende «Emir» als Führungspersönlichkeit für das «neue Syrien» präsentieren. 70 Prozent des Landes seien bereits erobert, behauptete er. Eine Teilnahme seiner Front an der Genfer Friedenskonferenz lehnte Joulani im Namen «syrischer Frauen und Kinder» kategorisch ab.

Sollte Diktator Assad an der Macht bleiben, würde die «Flut der Safawiden», die im 16. Jahrhundert den schiitischen Islam in Iran als Staatsreligion etablierten, schon bald die arabische Halbinsel überschwemmen. Man müsse daher in Syrien handeln, um das Öl in Saudi-Arabien zu schützen, sagte Joulani weiter.

Das Doppelspiel der Saudis

Unter der Überschrift «Der Alleingang Riads» rechtfertigte der saudische Botschafter in London, Mohammed bin Nawaf al-Saud, vor kurzem in der «New York Times» die «Unterstützung der moslemischen Rebellen» als eine «humanitäre Verantwortung zur Beendigung syrischen Leidens».

Dem Westen warf al-Saud vor, mit der Annäherung an Iran die Stabilität des Nahen Ostens zu riskieren. Sein Land werde daher «die moderaten Champions auch militärisch unterstützen». Wer diese «Champions» sind, verschwieg al-Saud. Laut der von den Jihadisten bedrängten säkularen «Freien Syrischen Armee» wird der syrische Widerstand längst von radikalen Islamisten und Jihadisten dominiert. Auch in der mancherorts im Westen als gemässigt dargestellten «Islamischen Front» seien Führer, die nachweislich Kontakte zu Al Qaida unterhalten.

Das saudische Prädikat «moderat» ist fehl am Platz. Amerikanische Geheimdienstler werfen dem saudischen Geheimdienst vor, ein «doppeltes Spiel» zu spielen. In Syrien kämpfen längst auch von Riad unterstützte saudische Jihadisten.