Die Hauptstadt der Welt bleibt unerschütterlich

New York Die Freiheitsstatue in ihrem Hafen verkörpert für Millionen Menschen weltweit den Traum von Amerika, und ihre Wolkenkratzer-Skyline ist das berühmteste Stadt-Sehnsuchtsbild und der wichtigste Tourismusmagnet der Vereinigten Staaten.

Marcel Elsener
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New York Die Freiheitsstatue in ihrem Hafen verkörpert für Millionen Menschen weltweit den Traum von Amerika, und ihre Wolkenkratzer-Skyline ist das berühmteste Stadt-Sehnsuchtsbild und der wichtigste Tourismusmagnet der Vereinigten Staaten. New York City ist die «Stadt der Städte», Hauptsitz der UNO und eigentliche Hauptstadt der Welt. Doch New York ist nicht Amerika, wie die ländlichen Amerikaner im Mittleren Westen oder im Bibelgürtel schimpfen, New York ist in ihren Augen das aufgetürmte Babel und das versaute Sodom und Gomorra der Ultraliberalen.

Gotham City, wie die Metropole angelehnt an ein «Ziegenkaff» (goat) seit jeher genannt wird, trägt die Verachtung mit Fassung. Sie hat ihren Ruf im Guten wie im Schlechten verdient, ihre Einwohner stecken selber im Zwiespalt zwischen den tollsten Errungenschaften und den ärgsten Missständen des Kapitalismus. Das Verhältnis zum Land ist ebenfalls ambivalent: Als Zugpferd weiss man sich zu helfen, auch bei bösen Stolperern. Unvergessen, wie in einer besonders schlimmen Krise, 1975, als die Stadt vor dem Bankrott stand, die Unlust Washingtons zur Hilfe in der Absage Präsident Fords gipfelte: «Drop dead», New York solle «verrecken». Nur nach dem Einsturz der Zwillingstürme 2001, dem grössten Terroranschlag in der Geschichte der USA, war jeder Amerikaner auch ein bisschen New Yorker. Der Teilstaat stimmt traditionell demokratisch, das Interesse an den Präsidentschaftswahlen ist auch dieses Jahr mässig. Beide Kandidaten wohnen im Staat, beide tragen einen negativen Stempel – Wall-Street-Komplizin vs. Immobilienspekulant. Wahrlich die Qual der Wahl, quasi ein doppeltes «Worst of New York». Schlimmer kann es kaum kommen, absurder nur mit der Familie Trump: Angeblich will 2017 Sohn Donald jr. Bürgermeister Bill de Blasio attackieren, ein Witz. Die krisenerprobten New Yorker bleiben gut gelaunt fatalistisch: Was soll uns noch erschüttern? Und sie beharren, wie der Schriftsteller Paul Auster, auf ihrem Anspruch auf das amerikanische «Herzland»: «Wir New Yorker repräsentieren die Ideale der USA, so wie die Gründerväter sie definierten. Brooklyn ist ein Ort, an dem alle gleich sind.»

Vorbild multikulturelles Brooklyn: In dem mit drei Millionen bevölkerungsreichsten Stadtteil New Yorks spürt man wie nirgendwo sonst alle Einwanderungswellen, die die USA zum grössten Migrationsland machten. Ob arm oder reich, vertrauen alle Zuwanderer auf den magischen Moment, den Tom Wolfe, ein anderer grosser Autor der Stadt, beschrieb: «Zu New York gehört man augenblicklich, nach fünf Minuten schon so sehr wie nach fünf Jahren.» Mit diesem wahren Satz träumt sich unsereiner in die vom Indian Summer noch mild temperierte Stadt: Kurz an der Kreuzung von Broadway/Fifth Avenue vorbeigeschaut, ob der älteste Lieblingswolkenkratzer, das 1902 erbaute Flatiron Building, noch steht; nebenan im «Strand» durch «18 miles of books» stöbern, später am East River mit Kollegen aus einem Dutzend verschiedener Herkunftsländer tschutten und nachts ein Bier in der schlauchigen «Milano's Bar». Die hat seit ihrer Eröffnung 1880 schon 26 US-Präsidenten überlebt, da liegen ein paar weitere gut noch drin. In New York spürt man nicht, wer in Washington regiert.

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