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Die Grünen erhalten regen Zulauf

Die Grünen befinden sich auf einem Höhenflug. In Umfragen liegen sie vor der SPD. Ist das ein Strohfeuer oder etabliert sich die einstige Revoluzzerpartei als neue starke Kraft?
Christoph Reichmuth, Berlin
Sprangen bei der Wahlparty in München ins Publikum: Der Bundesvorsitzende Robert Habeck (rechts) und der bayrische Spitzenkandidat von Bündnis 90/Die Grünen, Ludwig Hartmann. (Bild: Sven Hoppe/Keystone, München, 14. Oktober 2018)

Sprangen bei der Wahlparty in München ins Publikum: Der Bundesvorsitzende Robert Habeck (rechts) und der bayrische Spitzenkandidat von Bündnis 90/Die Grünen, Ludwig Hartmann. (Bild: Sven Hoppe/Keystone, München, 14. Oktober 2018)

Mitte September hat Holger Thurm seinen Antrag auf Mitgliedschaft bei den Berliner Grünen eingereicht. Seither war er schon mal auf einer Mitgliederversammlung im Bezirk Pankow. Es ging um grüne EU- und Aussenpolitik, Klimaziele, den Kohlenausstieg, die Gefahr von Rechts. Eine muntere Debatte. Thurm wählt die Grünen seit Jahren. Doch die Bilder von Naturkatastrophen und vermüllten Weltmeeren, der Hitzesommer in Europa gaben dem 46-Jährigen den letzten Anstoss, sich politisch ins Zeug zu legen. «Es mag pathetisch klingen: Aber wir müssen mit aller Kraft für den Erhalt der Schöpfung kämpfen», sagt Thurm, ein Journalist und Kommunikationsexperte.

Wie Thurm haben es in diesem Jahr schon 5000 Deutsche getan, die seit Januar den Grünen beigetreten sind. Die Partei zählt heute den Rekord von über 70000 Mitgliedern und regiert in neun Bundesländern mit. Die Grünen sind attraktiv für eine linksliberale, vor allem urbane Klientel, und das ganz ohne Fukushima-Effekt. Sie haben sich einen bürgerlichen Anstrich verpasst, das Führungsduo Robert Habeck und Annalena Baerbock steht nicht mehr für das Aufmüpfige früherer Jahre, als die Grünen noch fünf Mark pro Liter Benzin gefordert hatten. «Aus der chaotischen Truppe von einst ist eine staatstragende, grösstenteils wohlfrisierte Partei geworden», stellte der «Spiegel» vorige Woche etwas verwundert fest.

Ein weiterer grüner Ministerpräsident?

In Umfragen haben sie sich vor die SPD geschoben, kommen landesweit auf 20 Prozent. Vor knapp zwei Wochen schafften sie es in Bayern mit 17,5 Prozent zur zweitstärksten Kraft. Am Sonntag folgen die Wahlen in Hessen. Der grüne Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir ist im 6,2 Millionen Einwohner zählenden Bundesland enorm beliebt. Der 47-jährige Sohn einer Deutschen und eines Jemeniten ist seit 2014 hessischer Staatsminister für Wirtschaft und Verkehr, die Zusammenarbeit mit Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) in der schwarz-grünen Koalition funktioniert geräuschlos, eigentlich würden beide das Bündnis gerne weiterführen. Doch die Schwäche der CDU dürfte eine Neuauflage der Regierung aus CDU und Grünen verhindern. Die CDU stürzt laut Umfragen von 38,3 Prozent (Wahlen 2013) auf 26 Prozent ab, die Grünen können ihren Wert beinahe verdoppeln, von 11 Prozent vor fünf Jahren auf 21 Prozent.

Auch die SPD dürfte herbe Verluste von bis zu 10 Prozent einfahren. Wiederum scheinen die Parteien der Grossen Koalition in Berlin abgestraft zu werden. In Hessen sind verschiedene Bündnisse denkbar, vielleicht sogar unter Ministerpräsident Tarek Al-Wazir, der mit SPD und Linkspartei oder mit SPD und FDP eine Regierung bilden könnte.

Freilich profitieren die Grünen von der Schwäche der SPD, vom Streit in der Bundesregierung. Ihnen kommt nun zugute, dass sie im Herbst 2017 Hand bieten wollten für ein Mitregieren in einem Jamaika-Bündnis, da hatten sie gezeigt, dass sie Verantwortung übernehmen möchten. Dass die Koalition wegen der FDP doch noch geplatzt ist, entpuppt sich nun als ihr Glücksfall. Die Grünen profitieren auch vom Aufstieg der AfD. Sie sind so etwas wie der natürliche Feind der Rechtspopulisten. Sie stehen für eine liberale Gesellschaft, für die gleichgeschlechtliche Ehe und für offene Grenzen für Schutzsuchende. Während SPD, Union, FDP und Linkspartei viele Wähler an die AfD verlieren, wechselt von den Grünen fast niemand ins Lager der Rechtspopulisten.

Das politische System ordnet sich neu

«Die Grünen treten moderner, zukunftsgewandter auf als die SPD. Zudem tritt die Partei nach aussen hin sehr geschlossen auf», sagt der renommierte Mainzer Parteienforscher Jürgen Falter. Falter spricht von einem «Höhenflug der Grünen, der auch wieder abebben kann». Wird Merkel dereinst nicht mehr Kanzlerin sein und würde es die SPD schaffen, ihr Potenzial auszuschöpfen, «indem sie den Fokus auf die Arbeitnehmer und Fragen der Zukunft durch ein stärkeres Augenmerk auf den Umgang mit den Folgen der Digitalisierung legt», könnten die Grünen an Boden einbüssen, glaubt Falter. Denn bei Arbeitern und in ländlichen Gegenden ist die Partei noch schwach verankert. Kommt hinzu, dass den Grünen eine Basis in Ostdeutschland fehlt, die Partei ist bis heute eine westdeutsche Kraft. Nichtsdestotrotz bescheinigt Falter der Ökopartei das Potenzial einer mittelgrossen Partei. «Das Parteiensystem ordnet sich gerade neu, künftig könnten wir etwa drei gleich grosse Blöcke haben von SPD, Union und Grünen.»

Holger Thurm glaubt an einen nachhaltigen Erfolg seiner Partei. «Der Klimawandel ist kein vorübergehendes Phänomen, insofern ist auch die Stärke der Grünen nicht vorübergehend.» Der 46-Jährige sieht sich als einen Mann der politischen Mitte. «Es geht nicht um rechts oder links, sondern um den Erhalt des Ökosystems. Das ist weder konservativ noch progressiv, sondern notwendig.»

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