Die Grossfamilie und ihr Hilfswerk

Vier Wissenschafter aus ganz unterschiedlichen Gebieten haben am Donnerstag in Rom die diesjährigen Balzan-Preise erhalten. Den Friedenspreis hat die Organisation Vivre en famille bekommen, das Hilfswerk eines absolut unkonventionellen französischen Ehepaars.

Rolf App/Rom
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Gruppenbild mit vielen, vielen Kindern – mit Edith und Maurice Labaisse in der Mitte. (Bild: pd)

Gruppenbild mit vielen, vielen Kindern – mit Edith und Maurice Labaisse in der Mitte. (Bild: pd)

Erst wenn man draussen steht, merkt man, wie still es drinnen ist im Quirinal. Laut röhrt der Römer Verkehr an diesem Donnerstag zur Mittagszeit die Via XXIV Maggio hinab. Weiter unten, auf der Piazza Venezia, werden die vereinigten Verkehrsströme zum brüllenden Monster. Wehe, man wagt sich jetzt über die Strasse, doch es muss sein. Ungeduldig vibrierend stehen so die Autokolonnen für einen Moment am Rand des Fussgängerstreifens still.

Bewohner eines riesigen Palastes

Drinnen im Quirinal hat Staatspräsident Giorgio Napolitano gerade die diesjährigen Balzan-Preise verliehen. Er selber hat offiziell kein Wort gesagt, ist aber nachher, wohlbeschützt von vier Bewachern mit Knopf im Ohr, zum Apéro vorbeigekommen und hat noch ein wenig mit den Vertretern der beiden Balzan-Stiftungen, dem Italiener Enrico Decleva und dem Schweizer Achille Casanova, geplaudert. Casanova hat ihm die Grüsse von Bundespräsident Didier Burkhalter überbracht, den Napolitano sehr schätzt.

Bald wird der 89jährige Napolitano zurücktreten und dann unten, am Fusse der grossen Treppe, in die letzte jener Tafeln eingraviert werden, welche die Bewohner dieses riesigen Palastes verzeichnet. Im 16. Jahrhundert haben ihn sich die Päpste als Sommersitz errichten lassen. Nachdem Italien zum Staat wurde, residierten hier die Könige – bis zu jenem Umberto II., unter dem die Italiener per Volksentscheid die durch die Mussolini-Diktatur diskreditierte Monarchie abschafften. Seither wechselt alle sieben Jahre der Staatspräsident. Nur Napolitano muss länger ausharren, weil sich das Parlament nicht auf einen Nachfolger hat einigen können. Doch der alte Mann ist müde, man kann es gut sehen.

Zwei Welten stossen aufeinander

Zwei Welten stossen an einem solchen Anlass aufeinander. Auf der einen Seite die Welt des Mittelalters mit seinen Fresken und Goldverzierungen. Und mit seinem Zeremoniell. Und auf der andern Seite die Wirklichkeit, welche die Preisträger hineintragen – vor allem Maurice und Edith Labaisse mit ihrem Hilfswerk Vivre en famille.

Doch bevor Maurice Labaisse in einer kurzen Rede seiner Frau dankt, die ihm das Herz für geistigbehinderte Kinder geöffnet habe, erzählt der Mathematiker Dennis Sullivan von seiner kindlichen Begeisterung für Puzzles und Rätsel, erinnert der Pflanzenökologe David Tilman eindringlich daran, dass wir nur diese eine Erde haben, und geisselt der Archäologe Mario Torelli die italienische Bildungs- und Wissenschaftspolitik. Alle erinnern sie auch daran, dass Wissenschaft zuallererst mit Leidenschaft zu tun hat.

Jene 750 000 Franken, die sie und der krankheitshalber abwesende Philosoph Ian Hacking bekommen, müssen die Preisträger allerdings teilen. Seit 2001 schreiben die Statuten des Balzan-Preises vor, dass die Hälfte des Preisgeldes in Projekte von Nachwuchswissenschaftern fliessen muss. «In den vergangenen 13 Jahren sind auf diese Weise 24,5 Millionen Franken in 52 Projekte geflossen, die alle Zweige der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften betreffen», erklärt Salvatore Veca, der Vorsitzende des Preiskomitees.

Einige dieser Projekte werden tags darauf in der Accademia dei Lincei präsentiert, eine Übersicht gibt ein jährlich erscheinender Bericht. Dort erfährt man beispielsweise, dass Manfred Brauneck (Preisträger 2010) die Rolle der unabhängigen Theater im zeitgenössischen Theater untersuchen lässt. Manuel Castells (Soziologie, Preisträger 2013) hat mehrere Projekte gestartet zu den kulturellen und ökonomischen Dimensionen der seit 2008 andauernden Wirtschaftskrise. Reinhard Genzel (Kosmologie, 2003) beschäftigt seinen Nachwuchs mit der Entstehung von Galaxien und massiven Schwarzen Löchern. Und Peter und Rosemary Grant (Populationsbiologie, 2005) wollen Genaueres über die Evolution kleiner Gruppen von Tieren erfahren.

Auch Edith und Maurice Labaisse wissen, was sie mit der Million Franken anfangen wollen, die ihnen mit dem – in unregelmässigen Abständen vergebenen – Preis «für Humanität, Frieden und Brüderlichkeit unter den Völkern» zugesprochen wird. Not lindern. Kindern helfen, vor allem in Afrika. Dorthin nämlich hat sich das von ihnen geschaffene, heute 30 Festangestellte und 60 freiwillige Helfer umfassende Hilfswerk Vivre en famille im Lauf von 21 Jahren ausgedehnt.

Eine sehr persönliche Geschichte

Angefangen hat es sehr klein und sehr persönlich: mit einem «aussergewöhnlichen Ehepaar», wie die beiden in der Begründung des Preiskomitees beschrieben werden. «Aussergewöhnlich? Oh nein», reagiert Maurice Labaisse sehr rasch, als wir ihm im Gespräch die Passage vorlesen. «Wir sind ganz gewöhnliche Leute. Aber wir arbeiten mit aussergewöhnlichen Kindern.»

Aussergewöhnlich war das auslösende Erlebnis. Die Labaisses hatten schon sechs eigene Kinder, als sie ein siebtes, geistig behindertes Kind adoptierten – und danach noch weitere. Heute sind sie glückliche Eltern von nicht weniger als zwölf solcher «besonderer» Kinder. Die Adoption von Kindern zu ermöglichen, deren Eltern nicht in der Lage sind, sich um diese zu kümmern, wurde deshalb zum Ausgangspunkt ihres Hilfswerks. 1993 gründeten sie im französischen Varenne im Département Orne ein «Zentrum für das Leben», das für 21 geistigbehinderte Menschen zum ständigen Zuhause wurde. Nach dem Drama um ein kleines behindertes Kind, das nach Dschibuti ausgeschafft wurde, gründeten Edith und Maurice Labaisse 1997 eine Organisation für die Adoption von Kindern aus Äthiopien, die von ihren Eltern in einem Waisenhaus zurückgelassen worden waren.

Nicht die Welt retten

Heute ist «Vivre en famille» in Kongo, Zentralafrika, Benin und Sambia tätig und hilft Kindern und ihren Müttern in vielfältiger Weise. Die Organisation baut Gesundheitszentren, unterstützt Schulen – und hat auch mit vielfältigen Hindernissen zu kämpfen. Von diesen lässt sich das Ehepaar allerdings nicht beeindrucken. Denn gerade weil Maurice Labaisse sagt: «Wir haben nicht den Ehrgeiz, die Welt zu retten», hinterlassen er und seine Frau den Eindruck eines kampferprobten, durchaus zuversichtlich gestimmten Duos.