Die grosse Fehlprognose

Mit der Globalisierung rücke die Welt immer mehr zusammen: zum globalen Dorf, zum gemeinsamen Markt, kurz: zur globalen Schicksalsgemeinschaft. Diese Hypothese beten Leitartikler seit zwei Jahrzehnten nach.

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Der Publizist Gottlieb F. Höpli war Chefredaktor des St. Galler Tagblatts bis 2009. In dieser monatlichen Kolumne äussert er seine ganz persönliche Meinung. (Bild: Mareycke Frehner)

Der Publizist Gottlieb F. Höpli war Chefredaktor des St. Galler Tagblatts bis 2009. In dieser monatlichen Kolumne äussert er seine ganz persönliche Meinung. (Bild: Mareycke Frehner)

Mit der Globalisierung rücke die Welt immer mehr zusammen: zum globalen Dorf, zum gemeinsamen Markt, kurz: zur globalen Schicksalsgemeinschaft. Diese Hypothese beten Leitartikler seit zwei Jahrzehnten nach. Nicht gerade weltweit, aber doch in der westlichen Welt, in den Medien Europas und – sofern überhaupt an der Welt ausserhalb ihres Landes interessiert – in den USA. Dabei könnte keine Beschreibung, keine Prognose falscher sein. Die Welt driftet auseinander. Driftet sogar dramatisch auseinander.

Neue religiöse Militanz…

Nirgends lässt sich das Auseinanderdriften der Menschheit besser erkennen als in der Religion. Statt in die versprochene Epoche der Säkularisierung, der Abwertung der Religion(en) sind wir in eine Zeit wiedererwachter religiöser Militanz eingetreten. Ihr Herd, ja ihr Brandherd ist der islamische Fundamentalismus. Da kann man lange darum herumreden: Kein Glaubensbekenntnis tritt kriegerischer, brutaler, die Menschenwürde missachtender auf, und um den Kern dieser selbsternannten Kalifate herum wabert eine in ihren Ausmassen schwer zu ermessende Sympathisantenszene, die inzwischen längst auch Europa erreicht hat. Junge Migranten, die hier gewiss keine zum Himmel schreiende materielle Not leiden, zieht es mit Macht in den Jihad, ja sogar ins Märtyrertum.

…versus religiöse Ignoranz

Die Bewohner des Alten Kontinents reagieren, wenn sie nicht ohnehin ignorant-betretenes Wegsehen bevorzugen, verstört. Einige von ihnen glauben, die Militanz des islamischen Fundamentalismus schönreden zu müssen. Und einzuwerfen, schliesslich kenne auch das Christentum seine Märtyrer. Eine dumme und böswillige Geschichtsverdrehung: Mir sind keine christlichen Märtyrer bekannt, die Christen und Andersgläubige terrorisiert, vergewaltigt, mit Selbstmordattentaten in den Tod gerissen und vor den Augen einer möglichst grossen Öffentlichkeit geköpft hätten.

Aber das Kuschen der europäischen Intelligenzia und ihrer Politiker ist ja nicht neu. Um die vielen ebenfalls immer militanter auftretenden islamischen Migranten nicht zu verärgern, verzichtet man auf die Solidarität mit den Christen, die noch in der Region verblieben sind, in der das Christentum entstanden ist: in Syrien, Ägypten, im Irak, in Saudi-Arabien, aber auch in Afghanistan, Somalia, Pakistan werden die Angehörigen der weltweit am gefährdetsten Religion verfolgt: die Christen. Rund 100 Millionen von ihnen werden verfolgt, bedroht, schikaniert, diskriminiert.

Wo bleibt der Aufschrei in den westlichen Gesellschaften und Staaten? Das scheint nicht zu interessieren: Unter dem Hashtag•aufschrei findet sich bekanntlich hierzulande nur das Gejammer von Feministinnen über Männer, die ein offenherziges Décolleté kommentieren... Religion ist hier schon lange zu einer Spielart individueller Selbstverwirklichung geworden.

Konzentration auf das Wesentliche

Aber das Auseinanderdriften der Bewohner unseres Planeten ist keineswegs auf religiöse Glaubensfragen beschränkt. In der Ostukraine steht Gott angeblich wieder einmal auf beiden Seiten der Kriegsparteien. Und wohin man sieht, blüht ein neuer Nationalismus auf mit seinen unvermeidlichen Folgen: Selbstüberschätzung, Geringschätzung des Anderen, Abschottung. Wer darin nicht nur eine Bewertung der Weltpolitik sieht, sondern auch der eidgenössischen, der hat verstanden.

Derlei Tendenzen lassen sich nicht mit neuen Regeln über den globalen Handel bekämpfen, auch nicht mit schrankenloser Marktöffnung. Nicht neue Regulierungen durch UNO- und EU-Institutionen in Brüssel oder Strassburg sind gefragt, sondern eine neue Haltung des «Reduce to the max», eine Konzentration auf das Essenzielle: auf ihre so oft nur rhetorisch beschworene Funktion als Friedensprojekt.