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Die grösste Schlacht gegen den IS – nicht die letzte

Die Schlacht um Mossul wird den IS schwächen. Zum Ende des sogenannten Islamischen Staates wird sie wohl nicht führen. Zu viele Unwägbarkeiten birgt die militärische, politische und ethnische Lage im Norden Iraks.
Walter Brehm
Iraks Premier Haider al-Abadi (Mitte erste Reihe) verkündet umgeben von seinen Generälen den Beginn der Offensive gegen den IS in Mossul. (Bild: EPA (Bagdad, 17. Oktober 2016))

Iraks Premier Haider al-Abadi (Mitte erste Reihe) verkündet umgeben von seinen Generälen den Beginn der Offensive gegen den IS in Mossul. (Bild: EPA (Bagdad, 17. Oktober 2016))

Die Schlacht um Mossul wird den IS schwächen. Zum Ende des sogenannten Islamischen Staates wird sie wohl nicht führen. Zu viele Unwägbarkeiten birgt die militärische, politische und ethnische Lage im Norden Iraks. Die internationale, von den USA angeführte Koalition gegen den IS meldet erste Erfolge – sie beziehen sich auf den Vormarsch der Koalitionstruppen durch Dörfer rund um Mossul. Der Kampf in der Millionenstadt hat noch nicht begonnen.

Unklarheiten betreffen zudem beide Lager. Die Offensive war lange angekündigt. Vorbereitet haben sich also auch die IS-Jihadisten. So ist davon auszugehen, dass in der Stadt Minenfelder und Sprengfallen angelegt worden sind. Trotzdem ist noch lange nicht sicher, dass sich die Jihadisten in Mossul auch wirklich einem Häuserkampf stellen. Dass sie die Stadt längerfristig militärisch nicht halten können, muss auch den IS-Kommandanten klar sein. Sie werden also einen strategischen Entscheid fällen müssen: zu welchem Preis an Menschenleben und Zerstörung sie Mossul den Angreifern überlassen wollen. Die irakisch-kurdischen Bodentruppen müssen ebenfalls entscheiden, zu welchem Preis sie die Stadt zurückerobern wollen. Eine Frage, die auch die US-geführte Luftkrieg-Armada beantworten muss. Bilder wie aus Aleppo mit toten Kindern, die aus Trümmern gezogen werden, können die Stimmung in der Region und international schnell verändern. Zudem ist die militärische Rolle der Türkei noch immer nicht geklärt.

Kurz: Die Einigkeit der Koalition ist beschränkt, belastbar nur in einem Punkt: den IS zu vertreiben. Hinter diesem Einverständnis lauern vielfältige Eigeninteressen der einzelnen Kräfte der Koalition. Klar ist, dass ein Bodenkampf um die Stadt ohne die irakisch-kurdischen Peschmerga-Kämpfer nicht denkbar ist. Unklar aber ist, welchen Preis die Kurden dafür fordern werden. Viele sehen Mossul künftig als Teil eines künftigen kurdischen Staates oder zumindest als Ausdehnung ihres Autonomiegebietes im Norden Iraks. In vielen Dörfern, die sie dem IS schon abgetrotzt haben, ist es zur Vertreibung der arabisch-sunnitischen Bevölkerung gekommen. Bisher gute Verbündete der Türkei, könnten die Peschmerga mit Ankara in Konflikt geraten, weil die türkische Armee nach dem Willen Erdogans ja die turkmenische Bevölkerung in der Region verteidigen will. Dass es dabei auch um den Zugang zu den nordirakischen Ölfelder geht, wird derzeit öffentlich ausgespart. Doch es gibt weitere Probleme. Die Mehrheit der Zivilbevölkerung sind sunnitische Moslems. Die Mehrheit der irakischen Soldaten sind Schiiten. Das gegenseitige Misstrauen ist gross.

Unwägbar sind deshalb auch die humanitären Risiken der Schlacht um Mossul. Geschätzt wird, dass noch eine bis eineinhalb Millionen Menschen in Mossul leben. Viele werden versuchen, die Stadt noch vor der heissen Phase der Schlacht zu verlassen. Viele werden von der zunehmen Brutalität der bedrängten IS-Schergen bedroht sein. Andere von den möglichen Folgen der Luftangriffe, mit denen die USA den Kämpfern am Boden den Weg freibomben wollen. Zwar sind in der Region Auffanglager im Aufbau. Deren Kapazität ist aber bestenfalls auf Zehntausende Flüchtlinge ausgelegt – nicht auf Hunderttausende.

Die Sorgen der Europäer drehen sich um die Folgen der Schlacht um Mossul: mehr Flüchtlinge und mehr Terror. Beides sind realistische Bedrohungen. Politisch akzentuiert werden sie dadurch, dass viele Europäer – Bürger und Politiker– die beiden Bedrohungen als eine sehen. Die Bereitschaft, mehr Flüchtlinge aufzunehmen, kann sich leicht an einer Gleichung brechen: Mehr Flüchtlinge heisst automatisch mehr Terroristen. Die innenpolitische Lage in Europa gehört zu den Unwägbarkeiten der Schlacht um Mossul. Der IS wird nach einer Niederlage in Mossul auf Rache sinnen und seinen Terror in europäische und amerikanische Metropolen tragen. Vor allem aber wird er ohne eigenes Territorium zweifellos versuchen, Irak weiter zu destabilisieren.

Der IS wird zudem um seine Stellung innerhalb der jihadistischen Bewegung in der Region und global kämpfen müssen. Ohne grenzübergreifende Territorien verliert er seinen stärksten propagandistischen Trumpf. An seiner real verbleibenden Macht gemessen, wird der IS bestenfalls noch der Al Qaida oder anderen Terrornetzwerken gleichgestellt sein – mit dem Makel, dass sich seine selbstherrliche Überhöhung, «Kalifat» zu sein, in Luft aufgelöst hat. Neben allen anderen genannten Risiken wird nach der Schlacht um Mossul auch der Machtkampf zwischen verschienen Fraktionen des Jihadismus neu aufflammen – und Opfer fordern. Sowohl moslemische wie nichtmoslemische in Irak und weltweit.

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