Die Grenzen überschritten

Weinende Flüchtlingskinder, ein grölender Mob, Applaus für das Abfackeln einer geplanten Asylunterkunft: Die Bilder, die uns aus Deutschland erreichen, wecken ungute Erinnerungen an die frühen 1990er-Jahre.

Christoph Reichmuth
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In Deutschland hat die Zahl der Attacken auf Flüchtlingsunterkünfte stark zugenommen. Immer wieder werden auch Flüchtlinge eingeschüchtert. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt, info@rrenoi)

In Deutschland hat die Zahl der Attacken auf Flüchtlingsunterkünfte stark zugenommen. Immer wieder werden auch Flüchtlinge eingeschüchtert. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt, info@rrenoi)

Weinende Flüchtlingskinder, ein grölender Mob, Applaus für das Abfackeln einer geplanten Asylunterkunft: Die Bilder, die uns aus Deutschland erreichen, wecken ungute Erinnerungen an die frühen 1990er-Jahre. Damals, als Rechtsextreme in Rostock-Lichtenhagen ein Wohnheim für vietnamesische Arbeiter in Brand gesteckt hatten – unter dem Applaus Dutzender Anwohner. Fast 25 Jahre später stehen die Zeichen in Deutschland wieder auf Alarm. Mit dem Zustrom Hunderttausender Flüchtlinge im Jahr 2015 sind auch die Attacken gegen Flüchtlingsheime massiv gestiegen. Justizminister Heiko Maas warnt: «Wir dürfen nicht warten, bis es den ersten Toten gibt.» Und Politiker sämtlicher Couleur, darunter auch die Kanzlerin, äussern ihre Empörung. Die Flüchtlingskrise droht die Gesellschaft zu spalten. Aufmärschen von Fremdenfeinden schliessen sich zunehmend Menschen aus dem Mittelstand an – so geschehen auch in Bautzen und Clausnitz.

Eine offene Debatte ohne Scheuklappen in der Flüchtlingskrise kann helfen, das in einigen Teilen der Gesellschaft verlorengegangene Vertrauen in die Politik zurückzugewinnen. Wer sich auch mit seinen Ängsten und Befürchtungen ernst genommen fühlt, der hat es nicht mehr nötig, sich einem grölenden Mob von Fremdenfeinden anzuschliessen und Flüchtlinge auf diese widerwärtige Art in Empfang zu nehmen.

Eine offene Debatte darf aber nicht enthemmt geführt werden. Die Grenzen sind dort zu setzen, wo Hass und Gewalt beginnen. In Sachsen sind diese Grenzen zuletzt überschritten worden. Die Politik muss hier klar und deutlich machen, dass Gewalt gegen Flüchtlinge nicht toleriert wird.

ausland@tagblatt.ch

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