Die Gegner mobilisieren

Der Streit um die Homosexuellen-Ehe in Frankreich nimmt die Form eines Kulturkampfes an. Konservative organisieren morgen eine Grossdemonstration gegen das Projekt der Regierung.

Stefan Brändle
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Für die Homo-Ehe fand im Dezember eine Kundgebung statt. (Bild: epa/Yoan Valat)

Für die Homo-Ehe fand im Dezember eine Kundgebung statt. (Bild: epa/Yoan Valat)

PARIS. Ungewohntes tut sich auf den Pariser Boulevards: Keine Faust reckenden Studenten oder Gewerkschafter werden sie morgen Sonntag unsicher machen, sondern Bischöfe und angegraute Exponenten der französischen Bourgeoisie. Die Exponentin ist eine 50jährige Journalistin mit dem – ebenfalls erstaunlichen – Künstlernamen Frigide Barjot. Die Humoristin mit dem losen Mundwerk, die den Namen Brigitte Bardot verballhornt, wird die Grosskundgebung gegen die Homosexuellen-Ehe anführen.

Erst gar keine Debatte

Dieses Projekt beruht auf einem eher nebensächlichen Wahlversprechen des sozialistischen Präsidenten François Hollande. Die Regierung, in der offiziell Geschlechterparität herrscht, hatte die «Ehe für alle», wie der offizielle Sprachgebrauch lautet, im November lanciert: Homosexuelle Paare sollen rechtlich den heterosexuellen gleichgestellt werden und auch das Recht auf die Adoption von Kindern erhalten. Ob sich das nur auf Sprösslinge des einen Ehepartners bezieht oder ob es darüber hinaus gehen soll, sollte sich erst bei der geplanten Parlamentsdebatte Ende Januar definitiv entscheiden.

Das katholisch-konservative Frankreich will aber verhindern, dass es überhaupt zur Debatte kommt. Ihre medienbewusste Anführerin Frigide Barjot – nach ihrer Geburt hiess sie noch Virginie Merle – will morgen eine halbe Million Menschen auf die Strasse bringen. Vorausgegangen war eine wochenlange Kampagne aus Petitionen, massenhaft Briefen und kleineren Demos. Ihnen suchte Barjot einen jugendlich modernen Stil zu geben; zum Beispiel verbot sie Hermès-Foulards als Inbegriff der reichen Bürgersfrau. Familien wurden eingeladen, mit ihren Kindern zu protestieren.

Widerstand ist gewachsen

Auf die Linke wirkt die wertkonservative Humoristin wie ein öffentliches Ärgernis; an einem Fernsehauftritt im Staatssender France 2 wurde ihr Ende vergangenen Jahres schlicht der Strom abgestellt.

Barjot gewann dadurch nur noch an Popularität. Laut Umfragen ist heute nur noch gut die Hälfte der Franzosen für die Homo-Ehe inklusive Adoptionsrecht. Vor einem Jahr waren es noch bis zu 70 Prozent gewesen. Hollande glaubte deshalb, leichtes Spiel zu haben, und konzentrierte sich auf seine ökonomischen Themen wie etwa die 75-Prozent-Reichensteuer. Jetzt wird der Widerstand gegen die «Mariage pour tous» aber immer stärker – Zeichen, dass Frankreich eben nicht nur eine revolutionäre, sondern auch eine sehr konservative Ader bewahrt. In den Achtzigerjahren hatten die Anhänger der – weitgehend katholischen – Privatschulen mit einer Grossdemonstration auch schon eine Regierung zu Fall gebracht.

Soweit ist es noch nicht; doch Hollandes Regierung ist in der Bredouille, seitdem sich auch prominente Psychoanalytiker gegen die Homo-Ehe äussern. Auch die Philosophin Sylviane Agacinski, Gattin des sozialistischen Ex-Premiers Lionel Jospin, nannte die «Dualität» eine Voraussetzung der Elternbeziehung. Solche Einwände wirken bei der rot-grünen Regierungskoalition mehr als homophobe Entgleisungen oder als die religiösen Argumente von Katholiken, Juden und Moslems, deren Verbände sich vereint gegen die Homo-Ehe stellen.

Die sozialistische Parlamentsfraktion musste in dieser Woche bereits Ballast abwerfen und ankündigen, dass sie darauf verzichten werde, wie geplant auch die «medizinisch unterstützte Fortpflanzung» für lesbische Paare ins Gesetz aufzunehmen. Die künstliche Befruchtung für homosexuelle Frauen soll nun im Frühling in der Debatte über das neue Familienrecht diskutiert werden.

Rechtsparteien gespalten

Ob sich die Reihen in der Kundgebung der Gegner nach diesem taktischen Rückzieher lichten werden, ist zu bezweifeln. Allerdings tun sich auch viele Rechtspolitiker schwer mit dem Thema. Die bürgerliche «Union für eine Volksbewegung» (UMP) ist wie gehabt gespalten: Ihr neuer Vorsitzender Jean-François Copé will demonstrieren, sein Rivale François Fillon nicht. Die Rechtsextremistin Marine Le Pen verzichtet ebenfalls auf eine Teilnahme, da im «Front National» anscheinend eine nicht unbedeutende Minderheit für die Homo-Ehe und -Rechte eintritt.

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