Die Freiheit der Satire war ihm wichtiger als das eigene Leben

Wenn Stéphane Charbonnier («Charb») seine gelben Männchen mit der Knollennase zeichnete, liess das niemanden kalt.

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Stéphane Charbonnier Getöteter Karikaturist und Chefredaktor von «Charlie Hebdo». (Bild: ap)

Stéphane Charbonnier Getöteter Karikaturist und Chefredaktor von «Charlie Hebdo». (Bild: ap)

Wenn Stéphane Charbonnier («Charb») seine gelben Männchen mit der Knollennase zeichnete, liess das niemanden kalt. Die Karikaturen zeigten meist Salafisten, Bischöfe und andere Schwarzröcke; sie standen in der Bürgerschreck-Tradition französischer Satire – derb, unflätig, bewusst geschmacklos. Ab und zu traf es auch Jihadisten und Terroristen. Zwei von ihnen haben ihn gestern während der wöchentlichen Redaktionssitzung gezielt erschossen.

Anschwärzung um ihrer selbst willen

Wenn Charbonnier die Planungssitzungen des Magazins «Charlie Hebdo» leitete, ging es oft sehr sachlich und kopflastig zu und her. Dort dozierte der 47jährige Franzose, zuweilen unrasiert und nachlässig gekleidet, über Laizismus und Pressefreiheit, die kein Recht, sondern eine Pflicht sei. Vor der Türe wartete sein Leibwächter. Gestern war er abwesend. «Charb», und mit ihm drei national bekannte Karikaturisten, bezahlten es mit dem Leben.

Der unauffällige Brillenträger, der im Unterschied zu seinen Vorgängern alles andere als ein Grossmaul war, vernachlässigte sich und sein Leben schon immer zugunsten der Sache. Die Sache war die Satire. Und die Freiheit zu sagen und auszudrücken, was er wollte. Öfters erhielt er Morddrohungen, weil er rotzfreche Mohammed-Karikaturen ins Blatt gesetzt hatte. Dem «Charlie»-Herausgeber wurde nicht nur von Moslems vorgeworfen, er betreibe islamfeindliche Anschwärzung um ihrer selbst willen. Doch das liess ihn kalt. Er doppelte mit einer Mohammed-Karikatur nach.

«Mohammed war ein Mensch»

Aus seiner Zeichenstube musste man mit allem rechnen. Sogar mit dem Verzicht auf jede Provokation. In einem Band liess er das gelbe Mohammed-Männchen den Lebensstationen des Propheten von seinem Geburtsort Mekka bis zur Begegnung mit Erzengel Gabriel folgen. «Mohammed war ein Mensch, und ich habe einen Menschen gezeichnet», sagte Charbonnier.

Subversiv war der Comic allemal: Er stellte implizit das Verbot, den Propheten abzubilden, in Frage. Es gab Proteste von der Türkei bis nach Indonesien. 2011 publizierte sein Magazin eine weitere Infragestellung des islamischen Bilderverbotes. Ein Brandanschlag auf die Redaktion war die Folge. 2012 rief ein Islamist zur Enthauptung Charbonniers auf. Der ledige Zeichner sah darüber hinweg und arbeitete weiter. Er hielt die Sache für wichtiger als seine Person. (brä)