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Die Gilet-jaunes-Aktivistin der ersten Stunde hängt ihre Weste an den Nagel

Sie war das Aushängeschild der Gilets jaunes und wollte ihnen einen Platz in der Politik sichern. Jetzt wirft Ingrid Levavasseur frustriert das Handtuch. Es ist ein Ausdruck des Niedergangs einer hoffnungsvoll gestarteten Bürgerbewegung.
Stefan Brändle, Paris
Aktivistin Ingrid Levavasseur mit Mitstreitern der Gelbwestenbewegung an einer Demonstration in Paris. (Bild: Julien De Rosa/EPA ()

Aktivistin Ingrid Levavasseur mit Mitstreitern der Gelbwestenbewegung an einer Demonstration in Paris. (Bild: Julien De Rosa/EPA ()

Ingrid Levavasseur hat nur gut eine Stunde Zeit, bevor ihr Zug in die Normandie abfährt. Nach langem Überreden ist sie bereit, in Paris noch einmal Journalisten zu treffen. Die 31-jährige Krankenpflegerin möchte die französische Hauptstadt so schnell und so weit wie möglich hinter sich lassen. Warum? «Ich kann nicht sagen, dass meine Erfahrungen hier sehr angenehm waren», meint die junge Frau. Nein, es sei sogar «hyper-violent» gewesen, knallhart, verbessert sie sich.

Viele Gäste schauten sich um, als die Frau mit den langen roten Haaren eintritt. Ingrid Levavasseur ist in Frankreich ein Name, vor allem ein Gesicht. Die Pionierin in Warnweste war bei den Ersten gewesen, die Ende des letzten Jahres einen Verkehrskreisel südlich von Rouen gesperrt hatten. Als die Fernsehteams eintrafen, erzählte sie ihnen, wie es die Leute in der Gegend immer schwerer hätten, zum Monatsende hin über die Runden zu kommen.

Bald wurde sie in wichtigste Fernsehshows eingeladen

Die ruhige, klar argumentierende Französin widersprach völlig dem gängigen Bild der schimpfenden Autofahrer, die Radarfallen zerstörten und auf den Champs-Élysée Pflastersteine warfen. Bald wurde sie in die wichtigsten Fernsehsendungen eingeladen. Mit fester Stimme erklärte sie, Macron verachte die kleinen Franzosen, für die es wichtig sei, nicht fünf Euro mehr Steuern zu bezahlen, sondern im Gegenteil 50 Euro mehr zu verdienen. Ohne ihre Geschichte auszuschmücken, erzählte die Pflegerin der Fernsehnation, wie sie in ihrem Normandie-Nest mit einem Monatssalär von 1250 Euro lebe. Dazu bezieht sie ganze 95 Euro an Sozialhilfe, obwohl sie seit ihrer Scheidung allein zwei Kinder im Grundschulalter aufzieht. An den Protestaktionen in Paris konnte sie nur teilnehmen, weil ihr die Mutter finanziell aushalf. Das überzeugte die Franzosen mindestens so sehr wie ihre Ausführungen über den schleichenden Verlust der Kaufkraft für die Geringverdiener.

Im Januar kündigte Levavasseur an, sie werde bei den Europawahlen im Mai eine «gelbe» Wahlliste bilden, um den Anliegen der Gilets jaunes Gehör zu verschaffen. Ihre Liste mit dem Namen «Sammlung der Bürgerinitiative» (RIC) erhielt in Umfragen bis zu 13 Prozent gutgeschrieben. Damit lag sie wohl hinter der Macron- und der Le-Pen-Partei, aber noch vor den Republikanern, Sozialisten und linken «Unbeugsamen» von Jean-Luc Mélenchon.

Und das gefiel nicht allen. Nicht einmal allen Gelbwesten. «Mit einem Mal wurde ich persönlich angegriffen und in den sozialen Medien schlecht gemacht», erinnert sich Ingrid Levavasseur. «Plötzlich kam der ganze Macho-Aspekt der Bewegung hoch. An einem Umzug wurde Levavasseur als «Dreckhure» beschimpft und körperlich so lange bedrängt, bis sie ihre Begleiter herausfiltern mussten. Radikale Gelbwesten und «Unbeugsame» riefen ihr nach, sie sei eine «Agentin Macrons». Dies, weil die junge Frau einmal nebenbei erzählt hatte, sie habe im zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahlen von 2017 für Emmanuel Macron gestimmt. Aber nur, damit nicht Marine Le Pen gewählt wurde. Im ersten Wahlgang hatte sie für den sozialistischen Kandidaten Benoît Hamon eingelegt.

Den tieferen Grund für die persönlichen Attacken sieht Levavasseur darin, dass sie mit ihrer Liste sowohl Mélenchons Unbeugsamen als auch den Rechtspopulisten Stimmen wegzunehmen drohte. «Die extremistischen Parteien haben die Bewegung der Gilets jaunes völlig unterwandert. Viele Exponenten sympathisieren mehr oder weniger offen mit Mélenchon oder Le Pen. Ich habe an den Demos viele Mitglieder dieser Parteien getroffen – und die wurden seltsamerweise nie ausgebuht wie ich.»

Levavasseur verlor intern an Rückhalt

Sogar ihre Liste erwies sich bald als durchlässig: Ihr Sprecher Christophe Chalençon äusserte Sympathien für rechte Ideen wie den Einsatz «paramilitärischer Kräfte», um die Macron-Regierung zu stürzen. Ohne die Listengründerin zu informieren, lud er Luigi di Maio von der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung nach Frankreich ein. Von ihren eigenen Mitstreitern desavouiert, gab Levavasseur den Rückzug aus ihrer Liste bekannt. Ihr Entscheid hat auch Aussenstehenden das chaotische Innenleben der Gilets jaunes drastisch vor Augen geführt. Er zeugt vom Niedergang einer Bewegung, deren erste Forderung nach einer Benzinsteuersenkung landesweit populär gewesen war. Am letzten Samstag haben nur noch 22000 Gelbwesten demonstriert.

Levavasseur selbst nimmt nicht mehr an den Umzügen teil. Die Normannin will lieber in ihrer Region einen Verein für alleinerziehende Mütter gründen. Bei den Kommunalwahlen von 2020 gedenkt sie, mit einer Partei namens «demokratisches Erwachen» in ihrer Gemeinde anzutreten. Von Macron erwartet sie nichts: «Seine Bürgerdebatte wird nicht zu wirklichen Verbesserungen für uns führen», sagt sie und warnt: «Wenn dagegen nicht wirklich etwas unternommen wird, ist die nächste soziale Explosion programmiert.» Nach einem Blick auf die Uhr springt Ingrid Levavasseur auf: Ihr Zug wartet, um sie in die Normandie zu bringen.

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