Die Flut, die Not und die Islamisten

Die Hilfe für die Opfer der Flutkatastrophe in Pakistan kommt nur mühsam in Gang. In Europa fürchten viele Menschen, dass die Katastrophe nur den Taliban und anderen Islamisten nützt. Gerade dies ist Grund, schnell zu helfen.

Walter Brehm
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Pakistan ist ein fernes Land. Es gehört nicht zu den Destinationen europäischer Touristen. Aber Pakistan ist ein Land in Not. Brunnen sind verseucht, Strassen abgerutscht, Brücken weggeschwemmt. Überall Wasser, aber fast nirgendwo Trinkwasser.

Das Land erleidet eine Flutkatastrophe, deren Ausmass die Medien auch im Zeitalter der Live-Berichterstattung nur in Bruchstücken abzubilden vermögen.

Und die Zahlen dazu sind unfassbar: 14 Millionen Menschen sind von der Katastrophe betroffen, etwa sechs Millionen von Soforthilfe abhängig, davon laut dem UNO-Flüchtlingshilfswerk Unicef 2,7 Millionen Kinder.

Nothilfe für 90 Tage

490 Millionen Franken, das ist umgerechnet die Summe, welche die UNO von ihren Mitgliedstaaten für Soforthilfe in den kommenden 90 Tagen fordert.

Neben der UNO sind auch andere Helfer vor Ort: das IKRK, Caritas-Verbände aus vielen Ländern, Experten von Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt. Aber auch ihnen fehlt Geld. Spenden, die nach vergleichbaren Katastrophen – dem Tsunami in Südostasien oder dem Erdbeben in Haiti – in Amerika und Europa so reichlich geflossen sind, fliessen nicht mehr, tröpfeln nur noch.

Die Schweizer Glückskette hat für pakistanische Flutopfer bisher etwa 800 000 Franken sammeln können. 2004 waren es für die Tsunami-Opfer 227 Millionen, für Haiti Anfang dieses Jahres 65 Millionen.

Differenzierung ist möglich

Pakistan ist ein fremdes Land – und es hat einen schlechten Ruf. Vielen Europäern steht es für Krieg und Terror.

Die Schlagzeilen der internationalen Presse passen dazu: Pakistans Präsident Asif Ali Zardari setzt unberührt vom Elend seiner Landsleute eine Europareise fort. Oder schlimmer: Die Flut nutzt den Taliban.

Soll man da spenden, wenn die heimische Politik die Missachtung ihrer Bevölkerung derart zynisch demonstriert oder die Islamisten die Not der Menschen zur Rekrutierung neuer Terroristen missbrauchen?

Differenzierung tut not. Zardaris Verhalten war stil- und geschmacklos. Der starke Mann im Lande ist er aber nicht. Er muss die Macht mit Premierminister Yussaf Gilani und Armeechef Ashfaq Kayani teilen. Und zumindest Gilani war früh und mit hohem persönlichen Einsatz an der «Katastrophenfront». Die Islamisten wiederum sind auch in Pakistan kein monolithischer Block. Längst nicht alle sind Freunde der Taliban.

Die Wohlfahrt der Islamisten

Alle Gruppierungen des politischen Islam sind in drei Sektoren aktiv. Neben der religiösen Heilsverkündung und der Politik gehört die soziale Wohlfahrt dazu. In der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» erklärt der Pakistan-Experte Boris Wilke: «Die religiösen Gruppen sind nicht erst jetzt auf die pfiffige Idee gekommen, der Propaganda willen Wohltaten zu erbringen. Das machen sie schon seit Jahrzehnten – es gehört zu ihrem Selbstverständnis.

» Und dass sie dabei meist schneller und ehrlicher als die korrupten Behörden arbeiten, ist ihnen nicht zum Vorwurf zu machen. Zudem war nach früheren Naturkatastrophen, etwa dem Erdbeben 2005, nicht nachzuweisen, dass diese Gruppen erhöhten Zulauf hatten.

Über den Erfolg oder Misserfolg militanter oder gar terroristischer Islamisten – wie den pakistanischen Taliban – entscheidet weniger deren Propaganda.

Wichtiger wird sein, dass die Menschen, die von der Flut aus ihren Dörfern und Höfen vertrieben wurden, schnell und zu menschenwürdigen Bedingungen dorthin zurückkehren können. Das soziale Klima und die Frustration, in denen islamistische Propaganda verfängt, wächst vor allem in Flüchtlingslagern und in den Slums der Grossstädte, in denen viele Opfer zu stranden drohen.

Hilfe tut not

Pakistan – fremd und fern. Anders als die Folgen der Feuerstürme über Russland, birgt die Flut am Indus keine unmittelbare Gefahr für Europa. Aber all die Bedenken, welche die Menschen in Europa zögern lassen, den geschundenen Pakistanern zu helfen, sind bei genauerem Hinsehen vielmehr Grund dafür, schnell und grosszügig zu helfen.

Glückskette: Postkonto 10-15000-6 (Vermerk «Überschwemmungen Asien») Unicef: Postkonto 80-7211-9 (Vermerk: «Nothilfe Pakistan»)

Baustelle als Notunterkunft. Wer nach der Flut lange in einem Flüchtlingslager oder einem Grossstadt-Slum leben muss, kann leicht zum Ziel extremistischer Propaganda werden. (Bild: ap/Fareed Khan)

Baustelle als Notunterkunft. Wer nach der Flut lange in einem Flüchtlingslager oder einem Grossstadt-Slum leben muss, kann leicht zum Ziel extremistischer Propaganda werden. (Bild: ap/Fareed Khan)

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