Die Familienfehde

Marine Le Pen will Präsidentin von Frankreich werden. Ihr Vater Jean-Marie Le Pen hält sie für unfähig und rächt sich so für seine Kaltstellung im Front National.

Stefan Brändle/Paris
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Vater und Tochter entzweit: Jean-Marie und Marine Le Pen. (Bild: ap/Laurent Cipriani)

Vater und Tochter entzweit: Jean-Marie und Marine Le Pen. (Bild: ap/Laurent Cipriani)

Das schmerzt. Vor allem, wenn man an die guten alten Zeiten zurückdenkt: Damals, in der Familienvilla in Saint-Cloud, einem Anwesen ausserhalb von Paris, bezeichnete Klein Marine ihren Vater noch voller Bewunderung und Liebe als den «Mann meines Lebens».

Jetzt herrscht zwischen den beiden nur noch Hass. Die Tochter will ihren Vater um sein Lebenswerk bringen. Auf Betreiben von Marine Le Pen hat die Parteispitze des rechtsextremen Front National (FN) mit 40 gegen 4 Stimmen beschlossen, dass Jean-Marie Le Pen als Ehrenpräsident «suspendiert» wird. In etwa drei Monaten soll ein ausserordentlicher Kongress den Parteigründer seines Amtes entheben. Ab sofort darf er nicht mehr im Namen der Partei sprechen.

Beide wirken abgekämpft

Also spricht er in eigenem Namen. Er werde sich natürlich nicht aus der Politik zurückziehen, erklärte Le Pen, als er den FN-Sitz in der schwarzen Limousine, aber als Verlierer verliess. «Dafür müsste man mich schon umbringen», lachte er. «Aber empfiehlt nicht Sigmund Freud, man solle seinen Vater umbringen?» Es war, wie immer bei dem 86-Jährigen, ein höhnisches Lachen.

«Ich schäme mich, dass sie meinen Namen trägt», meinte Le Pen am Dienstag am Radio zu seiner jüngsten Tochter. «Ich wünsche, dass sie meinen Namen so schnell wie möglich verliert. Sie kann ja ihren Partner heiraten. Ich will nicht, dass sich die Präsidentin des Front National noch Le Pen nennt.»

Ja, solche Worte müssen schmerzen. Jean-Marie und Marine wirken beide angegriffen und abgekämpft. Kein Wunder. Für den 1. Mai, als der FN wie jedes Jahr die französische Volksheldin Jeanne d'Arc zelebrierte, hatte die Tochter ihrem Vater bereits Redeverbot erteilt. Bevor sie aber selbst das Wort ergreifen konnte, trat der greise Le Pen auf die Rednerbühne und liess sich von Tausenden von Parteianhängern feiern, obwohl er sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte.

Die ganze Familie ist zerstritten

Marine Le Pen musste tatenlos zusehen, wie ihr Vater ihr die Schau stahl und sie lächerlich machte. Wie betäubt begann sie ihre eigene Rede. Aber die FN-Chefin erholte sich rasch. Schläge und Gegenschläge, Winkelzüge und Racheakte gehören zu den Le Pens wie ihr Ausländerhass. Am liebsten hassen sie sich selber. Marines Mutter, Pierrette Le Pen, liess sich 1987 im Streit von Jean-Marie scheiden. Um ihrem Ex-Gatten eins auszuwischen, posierte sie im Zimmermädchen-Look halbnackt im «Playboy».

Marine, die in ihrem Vater damals noch den Mann ihres Lebens sah, beschimpfte ihre Mutter darauf als «Müllhalde»; selbige gab später zurück, Marine sei doch nur ein «Klon ihres Vaters».

Die Nichte macht auch Konkurrenz

Marine und ihre ältere Schwester Yann – die im FN für die Organisation von Grossanlässen zuständig ist – geraten sich auch ständig in die Haare. Und immer mehr: Denn Yanns 24-jährige Tochter Marion Maréchal Le Pen tritt als Vertreterin der dritten Generation zunehmend in Erscheinung. Parteiintern ist sie sehr populär. Marine Le Pen ist gewarnt: Das «Küken» Marion zeigt bereits die Krallen und verficht einen ganz anderen, wirtschaftspolitisch liberaleren Kurs als ihre Tante, die sich so sozialprotektionistisch gibt.

Seinen ältesten Spross, Marie-Caroline, hatte Le Pen schon 1997 verstossen. «Du bist nicht mehr meine Tochter», erklärte er ihr mit der gleichen Brutalität wie nun Marine. Später fügte er an: «In meinen Memoiren werde ich nicht von Marie-Caroline sprechen.» Deren Verbrechen war es gewesen, zum Parteiabweichler Bruno Mégret zu halten, der ähnliche Positionen vertrat wie heute Marine Le Pen.

Die Parteimehrheit will an die Macht

Natürlich geht es um mehr als eine Familienfehde. Damit verbunden sind immer Fragen des politischen Kurses, der politischen Macht. Le Pen erzielte sein bestes Resultat bei den Präsidentschaftswahlen von 2002 mit 17,8 Prozent der Stimmen. Marine Le Pen hat diese Stimmenzahl bei den letzten Europa- und Lokalwahlen nahezu verdoppelt, indem sie die Partei konsequent «entteufelte». (Sie verurteilt die antisemitischen Sprüche ihres Vaters und schiesst sich wie die neue Generation der europäischen Rechtsextremisten – Geert Wilders in den Niederlanden, Heinz-Christian Strache in Österreich – vor allem auf den Islam und die EU ein.

Dabei verlangt sie mehr Schutzbarrieren und höhere Mindestlöhne als die Linke. Das sorgt für Widerstände bei der alten Parteigarde um Le Pen senior oder Marines Gegenspieler Bruno Gollnisch. Aber die FN-Chefin hat die Parteimehrheit hinter sich, und die ist es langsam leid, die Rolle der republikanischen Schmuddelkinder zu spielen: Sie will an die Macht.

Noch bewahrt die Partei ihr Flammenzeichen, doch die meisten Franzosen haben längst vergessen, dass es neofaschistischer Herkunft ist: Bei der Gründung des Front National 1972 nahm Le Pen den Movimento Sociale Italiano (MSI) zum Vorbild.

«Verrat und Treuebruch der Tochter»

Sollte es Marine Le Pen gelingen, ihren Vater ganz aus der Partei zu werfen, dürfte sie zweifellos versuchen, das Kürzel FN durch ihre persönliche Bewegung «Rassemblement Bleu Marine» (RBM) abzulösen. Damit will sie in den Präsidentschaftswahlkampf 2017 ziehen. Und im Unterschied zu ihrem Vater will Marine Le Pen wirklich ins Elysée. Die Kaltstellung ihres Vaters diente laut einem FN-Communiqué einem einzigen Zweck: «Nichts soll den Front National von seinem Ziel abbringen, im Dienste Frankreichs und des französischen Volkes die Macht zu erobern.» Jean-Marie Le Pen erklärte am Dienstag allerdings unumwunden, er wünsche «im Moment nicht», dass seine Tochter bei den Präsidentschaftswahlen in zwei Jahren den Sieg davontrage. Zur Begründung meinte er, unmoralische Prinzipien wie Verrat und Treuebruch dürften in Frankreich nicht regieren.

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