Die Eisbrecher von Peking

China und Japan gehen am Rand des Apec-Gipfels überraschend aufeinander zu und einigen sich darauf, dass sie in vielen Fragen «unterschiedliche Ansichten» haben. Ein kühles Tauwetter.

Inna Hartwich
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PEKING. Als sie vor die Presse treten, nach einem nur halbstündigen Treffen um den Mittag herum, stehen Xi Jinping und Shinzo Abe steif nebeneinander, schauen sich nicht an. Unbeholfen reichen sich der chinesische Staatschef und der japanische Ministerpräsident die Hände, die Gesichter eingefroren, kein Lächeln auf den Lippen. Ein historisches Treffen.

Die Distanz bleibt

Und doch widerspiegelt der kurze Augenblick, den Fotografen nach diesem überraschenden Treffen am Rand des Gipfels der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftszusammenarbeit (Apec) in Peking einfangen, die eingefrorenen, im Lauf der Jahre immer spannungsreicher gewordenen Beziehungen zwischen den ostasiatischen Nachbarn. Es ist ein erster Schritt aufeinander zu, die Distanz aber bleibt weiterhin gross. Xi und Abe starren geradeaus, sprechen zunächst kein Wort miteinander. Bereits zuvor hatte Chinas Staats- und Parteichef den japanischen Regierungschef in der Grossen Halle des Volkes auf sich warten lassen, hatte schliesslich keine einleitenden Worte an seinen Gast gerichtet – eine ungewöhnliche Abweichung vom Protokoll.

Umkämpfte Inseln

Trotz der unterkühlten Gestik und Mimik symbolisiert das Treffen eine vorsichtige Annäherung nach zwei Jahren frostiger Stimmung. «Wir hoffen, dass Japan auf dem Weg der friedlichen Entwicklung bleibt, eine umsichtige Militär- und Sicherheitspolitik pflegt und eine konstruktive Rolle beim Aufbau einer vertrauensvollen Nachbarschaftspolitik spielt», sagte Xi nach dem Gespräch. Japan, wie Abe japanischen Journalisten erzählt, habe Xi um eine Art Hotline gebeten, um bewaffnete Auseinandersetzungen um widersprüchliche Behauptungen, was unbewohnte Inseln angehe, zu verhindern. Dabei spielte er auf fünf karge Felsen im Ostchinesischen Meer an, welche die Chinesen Diaoyu nennen, die Japaner Senkaku. Beide Länder erheben Anspruch auf das fisch- und rohstoffreiche Gewässer. Beide schrecken vor Provokationen nicht zurück, um ihre vermeintlich historisch belegten Rechte zu zementieren.

Ein tief sitzender Streit

Immer wieder mal kommt es in den Gewässern um die Inseln zu gefährlichen Zusammenstössen zwischen Marineschiffen und Fischkuttern, einmal sind die Japaner die Stärkeren, dann wieder die Chinesen. Im vergangenen Jahr hat Peking, ohne Tokio zuvor davon zu informieren, eine sogenannte Luftverteidigungszone (ADIZ) eingerichtet, die sich mit der bereits in den 1940er-Jahren eingerichteten japanischen ADIZ überschneidet.

Die Japaner dagegen wissen die Chinesen stets mit dem Besuch ihrer Politiker – und auch Abes selbst – im Yasukuni-Schrein in Tokio zu brüskieren. In der Gebetshalle gedenkt Japan seiner Gefallenen, eingeschlossen 14 Kriegsverbrechern. Die historische Komponente ist tief verankert im Streit der Nachbarn, der mittlerweile auch wirtschaftliche Nachteile nach sich zieht – sowohl für China als auch für Japan. Vor allem die blutige Raserei der Japaner auf chinesischem Boden 1937 und danach – die japanische Armee schlachtete Hunderttausende von chinesischen Zivilisten ab – haben die Chinesen nie verziehen. Japan weigert sich unbeirrt, die Wirren des 20. Jahrhunderts aufzuarbeiten und bietet den Chinesen – aber auch anderen asiatischen Nationen – so immer wieder eine Angriffsfläche.

Auch mit andern im Streit

Die emotional aufgeladenen Verbalattacken vermischen sich immer wieder mit den Muskelspielen auf hoher See und in der Luft. Eine gefährliche Mischung in der ohnehin instabilen Region, da China auch mit seinen Nachbarn im Süden und im Südosten um Territorialansprüche streitet. Am Apec-Gipfel aber versuchen die Chinesen, die Querelen um die Inseln herunterzuspielen. Auch mit den Japanern. Es ginge ihnen darum, so sagten Xi und Abe nach dem Treffen, dass man wieder Verbindungen zueinander knüpfe. Auch wenn beide an «unterschiedlichen Ansichten» festhielten.

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