Die «einsamen Wölfe» des Jihad sind nicht allein

Wer war Mohammed Merah? Weshalb ist er geworden, was er war? Und was war er denn überhaupt – ein psychopathischer Serienmörder, ein verwirrter Einzelkämpfer, gefangen in Versatzstücken einer kruden Ideologie, oder doch der Auftragskiller einer Terrorzentrale?

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Nicht nur in Frankreich wirft der Weg Mohammed Merahs vom Ghetto-Jugendlichen zum Terroristen viele Fragen auf. (Bild: epa/Ian Langsdon)

Nicht nur in Frankreich wirft der Weg Mohammed Merahs vom Ghetto-Jugendlichen zum Terroristen viele Fragen auf. (Bild: epa/Ian Langsdon)

Wer war Mohammed Merah? Weshalb ist er geworden, was er war? Und was war er denn überhaupt – ein psychopathischer Serienmörder, ein verwirrter Einzelkämpfer, gefangen in Versatzstücken einer kruden Ideologie, oder doch der Auftragskiller einer Terrorzentrale?

Etikettiert hat sich Merah selber als Kämpfer der Al Qaida, als Mujahidd («Gotteskrieger») für den wahren Islam. Seit er unter dieser Affiche getötet hat, fragt nicht nur die französische Öffentlichkeit nach dem Wahrheitsgehalt dieser Selbstdefinition des Mörders von Toulouse. War er Mitglied der Al Qaida, und was heisst das überhaupt? Und: Wie viele Mohammed Merahs – unauffällige junge Männer mit bösen Plänen – gibt es in Frankreich, in Europa?

Merah – kein Einzelfall, ein Phänomen

Geheimdienste und Medien nennen sie die «einsamen Wölfe» des Jihad. Radikalisierte islamische Migranten, frustrierte Randständige westlicher Gesellschaften, die sich auf das Terrornetzwerk Al Qaida berufen, ihre Taten aber weitgehend allein planen und ausführen. Die europäischen Geheimdienste berichten seit Jahren von jungen Männern, die ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet reisen, um sich dort in Jihad-Ausbildungslagern für den terroristischen Untergrund in Europa ausbilden zu lassen. Laut Gilles de Kerchove, EU-Koordinator für die Terrorbekämpfung, leben etwa 400 derart trainierte junge Männer in den Ländern der Europäischen Union. Und Felix Endrich, Kommunikationschef des Schweizer Nachrichtendienstes (NDB), gab im Radio zwar keine Zahlen bekannt, sagt aber: «Wir haben Kenntnis von mehreren Personen, die ins Ausland gereist sind, um sich dort jihadistischen Bewegungen anzuschliessen.»

Doch schon hier gerät die Suche nach Erklärungen ins Stocken. Zumindest aus Deutschland ist bekannt, dass sich nicht nur junge Migranten aus prekären wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen zu Jihad-Kämpfern ausbilden lassen, sondern auch junge deutsche Konvertiten, die zudem meist aus gutbürgerlichem Hause stammen.

Der Grund für die Radikalisierung kann also Ausgrenzung als Fremder in Armut sein – muss aber nicht. Motiv kann auch Wohlstandsverwahrlosung oder Perspektivelosigkeit trotz wohlbehütetem Aufwachsen sein – oder auch nur aus dem Ruder gelaufene Abenteuerlust.

Kein charismatisches Zentrum mehr

Ideelle Adresse dieser diffusen Motivlage können dann tatsächlich die Ausbildungslager der Qaida oder anderer militanter Gruppen des Islamismus sein – müssen aber nicht. Die Sicherheitsdienste in Frankreich sind der Meinung, noch vor einem Jahr hätten sich etwa zwei Dutzend junge Franzosen in Training-Camps am Hindukusch aufgehalten. Heute seien aber kaum mehr welche dort. Andere europäische Geheimdienstquellen bestätigen, der Jihad-Tourismus habe seinen Höhepunkt 2010 erreicht und sei seither rückläufig.

Das hat mehrere Hintergründe. Zum einen ist die Al-Qaida-Zentrale im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet längst nicht mehr die operative Kommandobrücke des Jihad. Und seitdem ihr «Emir» Osama bin Laden von einem US-Kommando getötet wurde, hat sich auch die Rolle des charismatischen Zentrums verloren. Weitgehend selbständige Ableger sind heute wichtiger: die Al Qaida im islamischen Maghreb (Aqim), mit Kontakten zur nigerianischen Terrorsekte Boko Haram, und vor allem die Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap), die wiederum mit der somalischen Al-Shabaab-Miliz kooperiert.

Die Al Qaida der Generation Facebook

Während die Aqim zudem personell weitläufig mit der maghrebinischen Diaspora in Europa vernetzt ist, macht sich die Aqab, mehr noch als andere Jihad-Gruppen, die elektronische Moderne zu Nutzen. Sie ist quasi die Al Qaida der Generation Facebook. Terroraufträge verschicken die Aqap-Führer per E-Mail in die Welt, Attentate und Pläne für Anschläge werden in Internet-Foren debattiert, und für den westlichen Nachwuchs erscheint «Inspire» (Anregung), ein englischsprachiges Hochglanzmagazin, das auch online heruntergeladen werden kann. Es liefert zum Beispiel die Anleitung zum «Bau einer Bombe in der Küche der Mutti».

Jihad ohne Kommandozentrale

Da verschwimmen die Grenzen zwischen Videospiel, Abenteuerspielplatz und mörderischem Terror. Experten bezeichnen dies als den «führerlosen Jihad»: Ein Mann und sein Wille ist für den «Heiligen Kleinkrieg» völlig ausreichend, das nötige Know-how liefert die Aqap. Welchen Stellenwert europäische Terror-Rekruten für Aqim und Aqap haben, ist schwer einzuschätzen. Aber es ist letztlich auch unwichtig. Kleine Terroraktionen wie die Morde in Toulouse oder das Attentat auf dem Frankfurter Flughafen gegen US-Soldaten im vergangenen Jahr kosten ja die Al-Qaida-Gruppen nichts. Wenn sie sich als nützlich erweisen, können sie nachträglich doch auf das eigene Konto geschrieben werden. Und nützlich im Sinne der Al Qaida sind sie zumeist, weil sie das ureigenste Ziel jeden Terrors erfüllen – Angst und Schrecken verbreiten.

Vor allem aber produziert der «führerlose Jihad» im Westen sicherheitspolitische Verunsicherung. Auf die Frage, ob Morde wie jene von Toulouse nicht zu verhindern seien, antwortete Frankreichs Verteidigungsminister Gérard Longuet: «Ich glaube nicht, ausser wir verwandeln Frankreich in einen Polizeistaat.»

Keine militärische Lösung

Die Erkenntnis gilt wohl für ganz Europa. Ohne gesellschaftliche Freiheiten aufzugeben, gibt es keine garantierte Sicherheit. Aber eine allgemeingültige Antwort, wie die Fanatisierung junger Menschen zu verhindern sei, gibt es auch nicht. Polizei, Geheimdienste und Armee entbinden keine demokratische Gesellschaft von der Verantwortung, ihre Probleme mit Migranten, Arbeitslosigkeit oder religiösem Fanatismus politisch zu lösen. Walter Brehm