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Die deutsche Greta will der Politik «richtig Angst» machen

Die Regierung in Berlin einigt sich auf ein Klimapaket. Dass es so weit kam, ist dem Druck der Strasse zu verdanken.
Christoph Reichmuth aus Berlin
Luisa Neubauer (rechts) zusammen mit Greta Thunberg im Hambacher Forst. (Bild: Keystone, 10. August 2019)

Luisa Neubauer (rechts) zusammen mit Greta Thunberg im Hambacher Forst. (Bild: Keystone, 10. August 2019)

Sie ist klug, pragmatisch, redegewandt – und furchtlos: Luisa Neubauer, 23-jährige Geografiestudentin aus Hamburg, ist so etwas wie das Gesicht der deutschen «Fridays for Future»-Bewegung, die «deutsche Greta Thunberg», wie sie gemeinhin genannt wird. Die junge Frau trifft den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, wird von Emmanuel Macron zum Gespräch geladen oder bietet in Interviews hohen deutschen Politikern in geschliffener Rhetorik die Stirn. «Wir sehen, dass unsere Zukunft auf Ihrer Prioritätenliste weit hinter der von VW liegt», schmetterte sie dem verdutzten Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier an den Kopf.

Dass sich die Regierung in Berlin gestern nach langem Ringen auf ein Massnahmenpaket für den Klimaschutz einigen konnte, ist auch dem Druck der Strasse und der Schülerbewegung «Fridays for Future» zu verdanken. Luisa Neubauer investiert nach eigenen Angaben wöchentlich mehr als 50 Stunden für die Bewegung, die gestern allein in Deutschland Hunderttausende in mehr als 500 Städten und Gemeinden auf die Strasse brachte. Neubauer gibt den Klimaprotesten in Talkshows und Zeitungsinterviews eine Stimme und ein Gesicht.

Der Kult um ihre Person hat Neubauer indes auch Kritik eingebracht, teilweise aus den eigenen Reihen, wo ihr vorgeworfen wird, sie rücke sich zu sehr in den Mittelpunkt. «Einer Bewegung wie unserer helfen Gesichter», entgegnete sie. «Ich kann das Scheinwerferlicht weiterstreuen.»

Neubauer sah sich zudem einem Shitstorm ausgesetzt, nachdem bekannt geworden war, dass sie früher öfter mal mit dem Flugzeug in die Ferien flog. Inzwischen fährt die Studentin selbst nach England mit der Bahn und ernährt sich weitgehend vegan.

Kapitalismus abschaffen? Nicht nötig!

Auch ihre Familie sorgte schon für Debatten. Neubauer wuchs in einem gut situierten Elternhaus in einem wohlhabenden Hamburger Viertel auf. Für den Berliner Soziologie-Professor Dieter Rucht ist Neubauers Herkunft typisch für die Bewegung, wie er dem «Stern» sagte: «Das ist eine Bewegung des Bildungsbürgertums.»

Neubauer will die Schülerproteste zu Gesellschaftsprotesten ausweiten und dabei verhindern, dass die Bewegung als politisch radikal links eingestuft wird. Als ein Aktivist bei einer Veranstaltung gefordert hatte, zum Schutz des Klimas den Kapitalismus abzuschaffen, sagte die 23-Jährige mit ruhiger Stimme: «Junge Menschen wollen immer irgendwas. Frieden, Atomausstieg, jetzt Klimaschutz. Was wir brauchen, ist eine gesellschaftliche Mitte, die der Politik richtig Angst macht.»

Neubauers Taktik scheint aufzugehen: In einer gerade eben von der ARD veröffentlichten Umfrage geben 63 Prozent der Deutschen an, dass Klimaschutz Vorrang haben sollte, selbst wenn dies dem Wirtschaftswachstum schadet.

Deutsche Regierung beschliesst Milliarden-Paket für Klimaschutz

Die deutsche Regierung will mit finanziellen Anreizen in Milliardenhöhe im Verkehr und beim Wohnen erreichen, dass Deutschland seine Klimaziele bis 2030 einhält.

Die Spitzen von CDU, CSU und SPD verständigten sich am Freitag nach einem 19-stündigen Verhandlungsmarathon auch darauf, Benzin, Diesel, Erdgas, Heizöl und Kohle durch einen Preis für den Ausstoss von Kohlendioxid (CO2) teurer zu machen.

Gleichzeitig soll es Entlastungen beim Strompreis und für Pendler geben. "Politik ist das, was möglich ist", sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Das unterscheide sie von Wissenschaftlern und "ungeduldigen jungen Menschen". Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) räumte ein: "Fridays for Future hat uns alle aufgerüttelt. Mit dem Klimaschutzpaket machen wir jetzt ernst."

Der Durchbruch gelang erst am Freitagmittag, nachdem die Partei- und Fraktionsvorsitzenden seit Donnerstagabend mit Merkel und Scholz im Kanzleramt getagt hatten. (sda)

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