Die D-Day-Botschaft an Wladimir Putin

Am 6. Juni 1944 brachte der alliierte Sturmangriff auf Nazi-Europa den Umschwung im Zweiten Weltkrieg. 70 Jahre später begehen ihn die Siegermächte und Deutschland gemeinsam. Wladimir Putin wird allerdings geschnitten.

Stefan Brändle/Courseulles-Sur-Mer
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Deutsche Bunkeranlage mit Panzer bei Longues-sur-Mer; Zeitungstitelseiten am 7. Juni 1944, ausgestellt im Mémorial de Caen; 9387 amerikanische Soldaten liegen auf dem Friedhof am «Omaha Beach» bei Coleville-sur-Mer. (Bilder: Valeria Heintges)

Deutsche Bunkeranlage mit Panzer bei Longues-sur-Mer; Zeitungstitelseiten am 7. Juni 1944, ausgestellt im Mémorial de Caen; 9387 amerikanische Soldaten liegen auf dem Friedhof am «Omaha Beach» bei Coleville-sur-Mer. (Bilder: Valeria Heintges)

Es nieselt wie meist am Ärmelkanal, eine kanadische Familie verzieht sich zum Muschelessen hinter die windsicheren Scheiben des Restaurants La Crémaillère. Der Strand bei Courseulles-sur-Mer ist menschenleer, nur am Horizont zucken zwei Drachen in den Windböen. Man zieht den Kopf ein und versucht sich zu vergegenwärtigen, wie es hier «damals» gewesen sein musste. Damals, vor 70 Jahren, als Adolf Hitler über Europa herrschte und einen 2600 Kilometer langen Atlantikwall errichtet hatte, um einen Angriff von den Britischen Inseln her zu verhindern. Damals, als die Alliierten am sogenannten «D-Day» die Operation Overlord lancierten und 160 000 Mann an der Normandieküste absetzten, um das Naziregime in die Knie zu zwingen.

Panzer im Blumenbeet

Vorbei geht die Zugfahrt auf Gummirädern durch Courseulles und vorbei an einem Sherman-Panzer im Blumenbeet. Vor dem Museum flattert die kanadische Flagge im Wind; darunter sind auf Marmortafeln die Namen jener 5500 Soldaten graviert, die im Sommer 1944 in der Normandie ihr Leben liessen. Alles Kanadier, alles Freiwillige für den Einsatz im entfernten Europa.

In Courseulles-sur-Mer besuchen nicht nur Kanadier die Kriegsstätten, sondern auch Deutsche. Im Restaurant La Crémaillère halten sie sich diskret im Hintergrund. Ein Vater aus Düsseldorf will seinem Sohn zeigen, wo dessen Grossonkel 17jährig umgekommen ist. Die Soldatenfriedhöfe der Wehrmacht sind hier allerdings schwer zu finden. Hinweistafeln auf deutsche Stätten sind selten. In La Cambe, wo 22 000 Deutsche begraben sind, wehen keine bunten Wimpel wie bei den Amerikanern; über den Gräbern stehen keine weissen Kreuze, sondern unbeschriftete Steinplatten und die Inschrift: «Dunkel wölbt sich der Hügel über dem Grab der Soldaten, dunkel steht Gottes Gebot über den Toten des Krieges.»

2004 kam erstmals ein Deutscher

Am Dorfeingang von Courseulles hängt die deutsche Flagge immerhin als erste in einer Reihe von drei Dutzend weiteren. Heute lebt Frankreich die Freundschaft mit Deutschland. 2004 war mit Kanzler Gerhard Schröder erstmals ein Deutscher zum Jahrestag des D-Days geladen. La Cambe stattete er keinen Besuch ab, weil dort auch die sterblichen Reste von SS-Kämpfern vermutet werden. Nur in Ranville, wo neben 2100 Briten auch 322 Deutsche beerdigt sind, legte er einen Kranz nieder. Zuvor hatte die deutsche Botschaft in Frankreich abgeklärt, dass sich darunter kein SS-Mann befindet.

Jetzt, zehn Jahre später, wird Angela Merkel wie selbstverständlich zu den Zeremonien gebeten. Welche deutsche Stätten sie aufsucht, ist letztlich ihre – innerdeutsche – Sache.

Russland als wichtige Siegermacht

Die übrigen Blicke sind auf einen anderen Staatsgast gerichtet. Der französische Gastgeber François Hollande hat auch Wladimir Putin zu den D-Day-Feiern gebeten. Das war noch unumgänglicher als eine Einladung nach Berlin, denn Putin vertritt eine wichtige Siegermacht. Auch wenn sich die Dinge heute verändert haben: Nato-Mitglied Deutschland steht fest im westlichen Kreis und setzt sich für eine «Deeskalation» in der Ukraine ein, während Moskau in die Glut bläst und an der Grenze Truppen aufmarschieren lässt.

Putin hat angekündigt, er werde am gemeinsamen Mittagessen auf Schloss Bénouville und in Ouistreham – nahe dem «britischen» Landestreifen Sword Beach – an der Hauptzeremonie teilnehmen. Erwartet werden auch US-Präsident Barack Obama, die britische Königin Elizabeth II. und der kanadische Premier Stephen Harper, daneben auch die höchsten Vertreter Polens, Norwegens und Australiens; von den Kriegsverlierern kommt neben Merkel auch der italienische Präsident Giorgio Napolitano, dessen Land heute ebenfalls integrierter Bestandteil des Westens und seiner Freiheitswerte ist.

Beim Foto nicht neben Putin

Putin trifft damit erstmals seit der Krim-Krise die wichtigsten westlichen Staats- und Regierungschefs. Hollande hat auch den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko eingeladen, denn der französische Präsident versucht sich als Vermittler, wohl, um daraus innenpolitisch Kapital zu schlagen. Putin, der etwas eigensinnige Russe, wird in die Feier eingebunden, aber gleichzeitig gemieden: Mehrere Staats- und Regierungschefs, darunter Obama, Merkel und die Queen, haben klargemacht, dass sie auf der Ehrentribüne oder dem Abschlussfoto nicht neben Putin sitzen oder stehen wollen. Vorläufig sind auch keine bilateralen Gespräche mit ihm geplant, obwohl das bei solchen Anlässen üblich ist. Die Botschaft lautet vielmehr: Der D-Day hat Europa Frieden und Freiheit gebracht. Und dabei soll es bitte bleiben.

Landung der Alliierten in der Normandie, am «Omaha Beach»: Allein dort starben mehr als 3000 Soldaten. (Bild: getty)

Landung der Alliierten in der Normandie, am «Omaha Beach»: Allein dort starben mehr als 3000 Soldaten. (Bild: getty)

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