Die Blutspur wird länger

Die Terrorgefahr durch den IS und Al Qaida ist hoch – nicht nur für Europa. Tunesien und die Sinai-Halbinsel sind die jüngsten Opfer. Aber es gibt weitere brandgefährliche Drohungen.

Walter Brehm
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Der von einer Bombe im Zentrum der Hauptstadt Tunis zerfetzte Bus der tunesischen Präsidentengarde. (Bild epa/Mohammed Messara)

Der von einer Bombe im Zentrum der Hauptstadt Tunis zerfetzte Bus der tunesischen Präsidentengarde. (Bild epa/Mohammed Messara)

Die Blutspur der Jihad-Terroristen zieht sich weiter – nicht nur in Europa, auch in der islamischen Welt.

Tatorte: Sinai und Tunesien

In Ägypten ist im Norden der Sinai-Halbinsel am Montag in der Stadt Al-Arish ein Hotel und eine Polizeistation von Bewaffneten überfallen worden. Die zweite Runde der ägyptischen Parlamentswahlen war beendet, aber in dem Hotel logierten noch 50 Richter, die als Wahlbeobachter tätig gewesen waren. In der Polizeistation starben mindestens vier Beamte. Insgesamt wurden zehn Menschen getötet, ein Dutzend weitere verletzt. Zu beiden Anschlägen bekannte sich der «Islamische Staat» (IS), der am 31. Oktober über dem Sinai schon ein russisches Charterflugzeug zum Absturz gebracht hatte. Damals wurden 224 Tote gezählt.

In der tunesischen Hauptstadt Tunis riss eine Explosion am Dienstagabend zwölf Mitglieder der Präsidentengarde in den Tod. Ihr Bus war von einem Sprengsatz zerfetzt worden, als er mit den Soldaten auf der zentralen Avenue Mohammed V. unterwegs war. Auch dieses Attentat hat gestern der IS für sich reklamiert. Ein «Märtyrer» habe einen Sprengstoffgürtel gezündet und die Gardisten getötet, hiess es in einer im Internet.

Gesetz und Sicherheit

In beiden betroffenen Ländern geht der Staat mit harter Hand gegen Jihadisten vor. Per Dekret im wieder autoritär regierten Ägypten, demokratisch mit im Parlament verschärften Sicherheitsgesetzen in Tunesien. Gestoppt worden ist der Terror weder da noch dort.

Getroffen werden beide Länder an einer ihrer wichtigsten Devisenquellen – dem Tourismus. Vor allem in Tunesien war die Reiseindustrie in den vergangenen Monaten direktes Ziel der Terroristen. Im März hatte ein Bewaffneter im Nationalmuseum in Tunis 20 Touristen erschossen. Im Juni waren es in einer Hotelanlage im Badeort Sousse 38 Touristen. In Tunesien wiegen die Anschläge über das Leid der Opfer hinaus besonders schwer, weil die Terroristen offensichtlich versuchen, die einzige erfolgreiche Demokratie mit fortschrittlicher, säkularer Verfassung, die aus dem Arabischen Frühling hervorgegangen ist, zu zerstören .

Jihad und Elend

Ägypten, aber auch Tunesien leiden jedoch unter sozialen Problemen, die auch Auslöser der Revolutionen waren und die bisher weder die Militärregierung in Kairo noch die demokratisch gewählte in Tunis beseitigen konnten. Jugendarbeitslosigkeit und Armut grassieren nach wie vor. Die urbane Zivilgesellschaft, die sich in Tunesien durchgesetzt hat, steht einer verelendeten und oft religiös fanatisierten Landbevölkerung gegenüber. Laut den Behörden des Landes kämpfen mindestens 3000 Tunesier in Irak und Syrien für den IS. Andere Quellen schätzen deren Zahl eher auf 7000. Bis zu 500 dieser Jihadisten sollen wieder nach Tunesien zurückgekehrt sein.

Fremde und eigene Ursachen

Ägypten wie Tunesien sind in gleicher Weise von zwei Terrorphänomenen betroffen, die auch in Europa verunsichern. Auf der einen Seite scheint der Terror von aussen (vom IS oder der Al Qaida) gesteuert, auf der anderen Seite wird er zumeist von jugendlichen Tätern getragen, die im Land aufgewachsen sind.

Grenzüberschreitende Jihad-Ideologie mischt sich mit Menschen, die in ihrer Gesellschaft randständig oder desintegriert sind. Vor allem der «Islamische Staat» mit seiner Kalifatsmaskerade trifft mit seinem Angebot an junge Menschen, an einem historischen Projekt teilhaben zu können, immer wieder auf Zustimmung. Sie werden zum Beispiel im benachbarten Bürgerkriegsland Libyen in IS-Lagern für den Jihad in ihrer Heimat ausgebildet.

Jihad-Rekrutierung in Bosnien

Da sich der IS mit seiner verqueren Gewaltideologie anmasst, die Speerspitze aller Moslems weltweit zu sein, beschränken sich seine Rekrutierungs- und Terroraktivitäten aber nicht nur auf die arabische Welt.

Zum gestrigen Tag der Antifaschisten im Zweiten Weltkrieg in Bosnien hat der IS – auf bosnisch «Vjijesti Ummeta» – dessen moslemische Jugend zum Krieg aufgerufen: «Blut wird auf dem Balkan fliessen.» Das seit den Balkankriegen ethnisch und religiös gespaltene und wirtschaftlich desolate Land soll ein nächstes IS-Front-Gebiet werden.