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Die Blume von Jasenovac

Die Vergangenheitsdebatte spaltet Kroatien: Dieses Jahr findet keine gemeinsame Gedenkfeier von Kroaten, Serben und der jüdischen Gemeinde für die Opfer des Konzentrationslagers Jasenovac statt.
Rudolf Gruber
«Die steinerne Blume» – das Denkmal für die Opfer des Konzentrationslagers Jasenovac, entworfen von Bogdan Bogdanovic, erbaut 1966. (Bild: getty/afp)

«Die steinerne Blume» – das Denkmal für die Opfer des Konzentrationslagers Jasenovac, entworfen von Bogdan Bogdanovic, erbaut 1966. (Bild: getty/afp)

Kroatien, das jüngste EU-Mitglied, hätte genügend zu tun, um sich für die Zukunft zu rüsten. Stattdessen tobt einmal mehr eine hitzige Vergangenheitsdebatte: Die neue nationalistische Regierung muss sich vorwerfen lassen, die Verbrechen des Faschismus zu verharmlosen.

«Auschwitz des Balkans»

Etwa 100 Kilometer östlich der Hauptstadt Zagreb, abseits der Autobahn, gelangt man an das nördliche Ufer der Save, dem Grenzfluss zu Bosnien-Herzegowina. Ausserhalb der Ortschaft Jasenovac thront auf einem künstlichen Hügel die «steinerne Blume», die der Belgrader Architekt und Bildhauer Bogdan Bogdanovic 1964 geschaffen hat. Die Skulptur ist das bekannteste Antikriegsmahnmal des früheren Jugoslawien, es erinnert an die Opfer im Konzentrationslager Jasenovac, dem «Auschwitz des Balkans». An der wuchtigen Symbolik der Betontulpe entzünden sich bis heute Debatten über ungelöste Fragen der Vergangenheit.

So fällt in diesem Jahr erstmals seit der Unabhängigkeit Kroatiens 1991 die gemeinsame Gedenkfeier aus: Serben und Juden boykottieren den offiziellen Festakt am 22. April und gedenken ihrer Opfer separat. Grund: Die seit Januar an der Macht befindliche Koalition unter der Dominanz des nationalistischen Kroatischen Bundes (HDZ) begünstige «die Relativierung und Wiederbelebung der Ustascha-Bewegung», wie es in einer Stellungnahme der jüdischen Gemeinde in Zagreb heisst. «Die Regierung versucht, die Verbrechen der Ustascha zu leugnen», kritisiert Milorad Pupovac, der Repräsentant der serbischen Volksgruppe.

Befreiung im Mai 1945

Die Ustascha (Aufständische) waren 1941 mit Hilfe Hitler-Deutschlands und Italiens an die Macht gekommen. Deren Kopf Ante Pavelic, der sich Poglavnik (Staatsführer) nennen liess, schuf ein totalitäres Regime nach Nazi-Vorbild, liess Serben, Juden, kroatische und bosnische Regimegegner sowie Roma und andere Minderheiten als Staatsfeinde respektive «Volksschädlinge» verfolgen und im KZ Jasenovac internieren.

Der sogenannte Unabhängige Staat Kroatien (NDH), der das heutige Kroatien und Bosnien-Herzegowina (Grosskroatien) umfasste, existierte nur vier Jahre bis Kriegsende 1945. Titos kommunistische Partisanen befreiten am 5. Mai 1945 die letzten Gefangenen. Pavelic gelang mit Hilfe katholischer Geistlicher die Flucht nach Südamerika, er starb 1959 in Francos Spanien.

Zu tiefe und zu hohe Opferzahlen

Die umstrittene Opferzahl im KZ Jasenovac ist bis heute Gegenstand politischer Propaganda. Franjo Tudjman, Gründerpräsident der jungen Republik und selbst Historiker, sprach 1991 von «höchstens 30 000» und erntete dafür heftige Kritik im Westen. 25 Jahre später folgt ihm der neue Kulturminister Zlatko Hasanbegovic, er spricht von «20 000 bis 40 000». Sowohl unter- als auch übertriebene Zahlen wie jene der jugoslawisch-serbischen Seite, die von 700 000 bis zu einer Million Opfern spricht, sind mittlerweile von der seriösen Forschung widerlegt. Laut dem Museum der Gedenkstätte Jasenovac wurden bis 2010 die Namen von 83 145 Opfern identifiziert: Serben (47 627), Roma (16 173), Juden (13 116) und Kroaten (4255). Die Liste ist allerdings nicht abgeschlossen.

Verharmlosende Behauptungen

Hasanbegovic macht aus seiner Sympathie für den Ustascha-Staat keinen Hehl: Dessen Untergang beweint der Historiker in früheren Publikationen als «grösste nationale Tragödie und Niederlage», die Ustascha glorifiziert er als «Helden und Märtyrer». Als Minister beteuert Hasanbegovic (42), der in jungen Jahren in ultrarechten Zirkeln verkehrte, dann plötzlich: «Ich war nie und in keiner Form ein Verteidiger eines kriminellen Regimes.» Gleichwohl lobt er eine aktuelle, tendenziöse TV-Dokumentation, die das Todeslager Jasenovac zum Arbeits- und Straflager relativiert: «Solche Filme sind nützlich, denn sie sprechen über viele Tabus», findet der Kulturminister.

Slavko Goldstein, 88jähriger Holocaust-Überlebender und langjähriger Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Kroatien, antwortete mit einer Gegendokumentation («Jasenovac – Tragödie, Legende, Wahrheit»), in der namhafte Historiker die verharmlosenden Behauptungen widerlegen. Laut Goldstein leben heute 2000 Juden in Kroatien.

Split – Hochburg der Nationalisten

In ganz Kroatien häufen sich Demonstrationen und Aufmärsche der Extremnationalisten und Geschichtsklitterer. Deren Hochburg ist die Küstenstadt Split, wo bei verschiedenen Anlässen immer wieder Veteranenverbände des Unabhängigkeitskriegs 1991 gemeinsam mit Hooligans aufmarschieren. Dabei wird das Ustascha-Kampflied «Za dom – spremni» (Für die Heimat – bereit) gesungen. Bevorzugte Stätten sind auch Fussballstadien: Der kroatische Verband wurde von der Fifa mehrmals abgestraft, weil Rechtsextreme namentlich bei Matches gegen Serbien und Israel die Faschistenhymne grölten. Stimmungsmacher bei derlei Veranstaltungen ist stets die Rockband Thompson, die mit antisemitischen und pro-faschistischen Turbofolksongs auch die Neonazi-Szene in Deutschland und Österreich begeistert.

Der Völkermord war lange ein Tabu

Die Aufarbeitung der Geschichte des Konzentrationslagers Jasenovac kam erst in den letzten 20 Jahren voran. In Jugoslawien war der Völkermord 40 Jahre lang ein Tabu, dessen Verletzung hart bestraft wurde.

Nach Titos Tod 1980 eskalierten die nationalen und ethnischen Spannungen zu einem Krieg, der Jugoslawien zerstörte. Aber die alten Legenden und Feindbilder überlebten in den Nachfolgestaaten bis heute.

Die Gedenktafel mit den Namen der Opfer. (Bild: imago)

Die Gedenktafel mit den Namen der Opfer. (Bild: imago)

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