Österreich
Die Behörden bekamen vor dem Anschlag in Wien einen Hinweis über den Täter – und versagten

Der 20-jährige Attentäter war den zuständigen Stellen in Österreich bekannt. Doch wichtige Informationen versickerten in Amtsstuben. Hätte der Anschlag verhindert werden können?

Stefan Schocher aus Wien
Drucken
Teilen
Menschen trauern um die vier Opfer, die ein Attentäter am Montag in Wien getötet hat.

Menschen trauern um die vier Opfer, die ein Attentäter am Montag in Wien getötet hat.

EPA

Wien am vergangenen Montag: Ein Mann schiesst um sich, tötet vier Personen, ehe er selbst niedergestreckt wird. Neun Minuten lang wütet er in der Innenstadt – ausgerüstet mit einem automatischen Sturmgewehr, einer Faustfeuerwaffe, haufenweise Munition und einer Machete. Und der, der da um sich schoss, der war den Behörden bereits bestens bekannt. Ein 20-Jähriger mit schlechtem Leumund.

Im August 2018 wollte er nach Afghanistan fliegen, wurde am Flughafen aber zurückgewiesen, weil er kein Visum für das zentralasiatische Land hatte. Kurz darauf, im September 2018, wurde er zusammen mit einem anderen in Wien lebenden Mann in der Türkei gefasst. Beide wollten nach Syrien reisen, um sich dort der Terrormiliz IS anzuschliessen. Der spätere Täter wird verurteilt, dann aber im vergangenen Dezember vorzeitig freigelassen. Er gilt als deradikalisiert, erfüllt penibel genau seine Bewährungsauflagen.

Doch dann passiert etwas, das die österreichischen Behörden hätte aufhorchen lassen müssen. Etwas, das Österreichs Innenminister Karl Nehammer am Mittwoch auch mit den Worten kommentierte: «In der Kommunikation ist etwas schief gegangen.»

Der lange Informationsweg von Bratislava bis nach Wien

Eine Fahrt des Mannes in die Slowakei liess in Bratislava die Alarmglocken schrillen. Eine Meldung darüber ging auch nach Wien – doch die Information versickerte in Amtsstuben, landete erst mit grosser Verzögerung bei den zuständigen Stellen bei den Ermittlungsbehörden und anscheinend erst am Tag des Anschlages selbst bei der Staatsanwaltschaft Wien.

Im Juli war das. Da hatte der Täter versucht, in der Slowakei Munition für eine AK-47 zu besorgen, blitzte aber ab, weil er keine Lizenz für die Waffe hatte. Unterwegs war der Mann mit einer noch nicht identifizierten zweiten Person – und in einem Auto, das auf die Mutter eines in Österreich lebenden, amtsbekannten Islamisten zugelassen ist. All das wussten die Behörden über den späteren Täter in Wien bereits im Juli.

Das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung in Wien, die Zweigstelle des Geheimdienstes BVT in der Hauptstadt, erhielt die Info Medienberichten zufolge allerdings erst im Oktober. Und erst am Tag des Anschlages selbst erfuhr die Staatsanwaltschaft Wien davon.

8 Bilder

Christian Bruna / EPA

Ex-Innenminister Kickl im Zentrum der Kritik

Das BVT fällt in den Zuständigkeitsbereich des Innenministeriums. Und so war es auch Innenminister Karl Nehammer, der am Mittwoch zu den Berichten Stellung beziehen musste. Nebst dem Eingeständnis, dass da etwas schief gelaufen sei in der Kommunikation und der Ankündigung, dass zu der Sache eine Untersuchungskommission eingesetzt werde, hagelte es vor allem Anschuldigungen in andere Richtungen: in erster Linie gegen seinen Amtsvorgänger Herbert Kickl (FPÖ), Innenminister während der ÖVP-FPÖ-Koalition von 2017 bis 2019, aber auch gegen die Justiz, der die extremistische Haltung des offiziell Geläuterten entgangen sei.

Damit gerät wieder einmal das BVT in den Focus. Im Februar 2018 gab es bereits eine Razzia der von einem FPÖ-Gemeinderat geführten «Einsatzgruppe zur Bekämpfung von Strassenkriminalität» in Räumlichkeiten des BVT und Privatwohnungen von BVT-Mitarbeitern sowie die vorübergehende Suspendierung der BVT-Führung. Manche orten gar einen Zusammenhang der Razzia mit der Ibiza-Affäre - Beamte sollen gezielt Datenträger mit Videomaterial gesucht haben.

Nehammers Kritik zielte so auch vor allem auf Kickl und nicht das BVT an sich ab. Kickl, so Nehammer, habe das BVT ruiniert. Kickl hatte bereits zuvor davon gesprochen, dass der Attentäter von einer unmittelbar bevorstehenden Razzia im islamistischen Milieu Wind bekommen haben müsse. Schuld sei ein Maulwurf im BVT.

Aktuelle Nachrichten