Die autoritäre Versuchung

Giftiger Nationalismus war in den USA bisher ein weitgehend unbekanntes Phänomen. Mit dem Präsidentschaftsanwärter Donald Trump hat sich das geändert. Von Thomas Spang

Merken
Drucken
Teilen

Die Vereinigten Staaten haben sich in ihrer Geschichte bisher stets der autoritären Versuchung entziehen können. Das liegt am Selbstverständnis einer Nation, die ihre Geburt der Rebellion gegen eine Monarchie zu verdanken hat. Seitdem hat Amerika nicht nur Pioniere angezogen. Es bot immer auch den anderswo Verfolgten einen sicheren Hafen und die Möglichkeit, ein Leben in Freiheit zu führen. Amerikaner zu sein, ist ein Bekenntnis zu gemeinsamen Werten, nicht Verbundenheit durch Blut und Boden. Heimatliebe drückte sich deshalb mehr in einem kindlich-verspielten Patriotismus als in giftigem Nationalismus aus.

All das hat sich mit dem Aufstieg eines blondierten Reality-TV-Stars und Milliardärs zum Spitzenreiter im Rennen um die republikanische Präsidentschaftsnomination geändert. Wenn dieser morgen am «kleinen Super-Dienstag» bei den Vorwahlen in fünf Bundesstaaten seinen Siegeszug fortsetzt, wird die Partei Abraham Lincolns zu der Donald Trumps.

Ignoranz und Chauvinismus

Das bisher Undenkbare tritt plötzlich als reale Möglichkeit ins Bewusstsein. Ja, auch die USA, das Vorbild freiheitlicher Demokratien, erweisen sich verwundbar durch einen Anschlag aus Ignoranz, Dummheit und Chauvinismus. Das erste Opfer wäre die Republikanische Partei, die Trumps Gefolgschaft zu lange als nützliche Idioten in ihren Reihen willkommen hiess. Statt etwas für die Globalisierungs-Verlierer zu tun, hielten sie diese mit Appellen an die niedrigsten Instinkte bei Laune.

Die Eliten einer Partei, die ein Klima der Ab- und Ausgrenzung genährt, Militarismus zelebriert und Frauenfeindlichkeit gefördert haben, kämpfen mit stumpfem Schwert gegen einen Kandidaten, der all das besser als sie in die Populärkultur übersetzen kann. Wie tief die Mitte-Rechts-Partei gesunken ist, zeigt das Versprechen der Konkurrenten Trumps, im Fall seines Sieges die Reihen hinter ihm zu schliessen.

Angriffe auf Journalisten

Beschämend, dass weder Marco Rubio noch Ted Cruz oder John Kasich bei der letzten Republikaner-Debatte klare Worte zu den Gewaltausbrüchen auf Trump-Kundgebungen fanden, die schon vor den Übergriffen in St. Louis und Chicago eine bedrückende Routine waren. Dass der Rechtspopulist den nicht provozierten Schlag eines Anhängers in das Gesicht eines Demonstranten mit patriotischer Leidenschaft weg zu reden versucht, überrascht nicht. Schliesslich ermutigt Trump seine Fans dazu, Störer zu verprügeln. Nicht minder bedenklich sind die Übergriffe auf Reporter, die Trump regelmässig der Beschimpfung des Publikums aussetzt. In einem Fall langte sein Wahlkampfmanager selber zu, als er eine Reporterin, die sich dem Kandidaten mit einer Frage näherte, auf den Boden riss. Wenn Trump an diesem Dienstag John Kasich und Marco Rubio in deren Heimatstaaten Ohio und Florida schlägt, kann nur noch ein politischer Kamikaze-Akt auf dem Wahlparteitag der Republikaner in Cleveland die Nominierung aufhalten.

Den Antiamerikaner stoppen

Das wahrscheinlichere Szenario ist ein Spitzenkandidat, der offen für eine autoritäre Politik wirbt. Dann wird es an den Wählern insgesamt liegen, den eigentlichen Antiamerikaner auf dem Weg ins Weisse Haus zu stoppen. Wenn der Trump-Albtraum dann hoffentlich im November vorüber ist, wird das Land auf ein soziales Experiment zurückschauen und mit dem Kopf schütteln – über die Tausenden Anhänger, die den rechten Arm zum Treuschwur hoben, Andersdenkende verprügelten und jubelten, wenn ihr Kandidat Mauern, Folter und Deportation versprach.

ausland@tagblatt.ch