Die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg wächst

Schwere Gefechte zwischen sunnitischen Salafisten und der Armee lösen in ganz Libanon Unruhen und Angst aus. Viele Menschen fürchten ein Wiederaufflammen des Bürgerkriegs.

Michael Wrase
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LIMASSOL. Es begann mit einem vermeintlich harmlosen Zwischenfall, wie er sich im Land täglich ereignet: An einer Strassensperre der Armee in Sidon wurde am Sonntagnachmittag ein Anhänger des Salafisten-Predigers Ahmed al-Asir verhaftet. Im Kofferraum seines Wagens hatten die Soldaten Maschinenpistolen gefunden. In der Folge griffen Milizionäre des Sheikhs den Checkpoint an, 18 Soldaten wurden getötet. Auch gestern morgen gingen die Kämpfe weiter.

Vormacht der Hisbollah

Das Oberkommando der Armee erklärte gestern, nun «mit eiserner Faust» gegen jene vorzugehen, die «das Blut der Armee vergiessen». Wenig später umzingelten Panzer der Armee die auf einem Hügel der Hafenstadt gelegene Bilal-bin-Rabah-Moschee des Salafisten-Predigers. Kommandoeinheiten stürmten sie und töteten mehr als 20 Bewaffnete. Fast alle sollen Syrer gewesen sein.

Ob auch Sheikh al-Asir ums Leben kam, ist unklar. Der sunnitische Hassprediger hatte vor der Erstürmung der Moschee die Armee beschuldigt, gemeinsame Sache mit der schiitischen Hisbollah-Miliz zu machen.

Die Gewalteskalation kommt nicht überraschend: Seit langem wettert der Salafisten-Sheikh gegen die Vormachtstellung der Hisbollah. Nachdem klar war, dass die schiitischen Milizionäre die Assad-Armee in Syrien unterstützen, rief al-Asir gar zum «heiligen Krieg» gegen die Hisbollah auf. Die pro-iranische Miliz reagierte auf die Kampfansage nicht. Sie überliess es der Armee, die immer zahlreicher werdenden Anhänger des Sheikhs in Schach zu halten.

Zur Fahnenflucht aufgefordert

Viele libanesische Sunniten betrachten al-Asir inzwischen als ihren Hoffnungsträger. Spätestens nach dem Sturz des Assad-Regimes werde er die Hisbollah in die Schranken weisen. Dass nun die Armee die Salafisten mit Waffengewalt zur Raison bringen will, konnte nicht ohne Folgen bleiben.

Angestachelt durch Hasspredigten versuchten gestern salafistische Fanatiker im ganzen Land, den Verkehr mit brennenden Autoreifen und Abfallcontainern zum Erliegen zu bringen. Als die Armee eingriff, wurde sie als «Helfershelferin der Hisbollah» attackiert. Ein Geistlicher forderte die sunnitischen Soldaten gar zur Fahnenflucht auf. Ein Auseinanderfallen der Armee entlang konfessioneller Linien wäre für Libanon eine Katastrophe.