Die Angst als Konstante

In zwei Jahren stehen die Hundertjahr-Feiern zur Russischen Revolution an. Der Historiker Orlando Figes analysiert die Revolution und ihre Folgen bis heute in «100 Jahre Revolution».

Erika Achermann
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Die Vergangenheit ist immer präsent. Das gilt besonders für Russland, wo bisher keine politische Aufarbeitung der sowjetischen Geschichte eingesetzt hat. Die gigantische Militärparade vom 9. Mai dieses Jahres auf dem Roten Platz lässt ungute Erinnerungen aufkommen. Zum Verständnis Russlands trägt das neue Buch des Historikers Orlando Figes bei, der analytisch differenziert und gut lesbar die Geschichte der Sowjetunion über ein ganzes Jahrhundert hinweg bis heute darstellt.

Von der Freiheit zur Diktatur

In «Hundert Jahre Revolution» setzt Figes bei der Frage an, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen es zur Revolution kommen konnte. Es genügte nicht, dass die Bauern im 19. Jahrhundert verarmten; diese hatten nicht die Kraft zu Veränderungen. Die steigende Alphabetisierung durch junge Russen, die aus den hungernden Dörfern in die Städte zogen, war eher eine der Grundlagen. Die andere das allgemeine Kriegschaos und das ruinierte traditionelle Militär im Ersten Weltkrieg. Nun konnten Lenin und die Bolschewiki 1917 ihre Revolution gegen die verknöcherte Autokratie beginnen. Denn um den brutalen Charakter und «ihren tragischen Verlauf von der Freiheit zur Diktatur» zu verstehen, müsse man auch die zaristische Vergangenheit betrachten, schreibt der bereits mit mehreren wegweisenden Werken zur Sowjetunion hervorgetretene Historiker, der in London lehrt.

Orlando Figes beschreibt die Russische Revolution als grosses Ganzes. Er unterteilt die hundertjährige Geschichte in drei Phasen: Die Periode der Revolution und des Bürgerkriegs, die Ära der brutalen Machtsicherung unter Stalin sowie der drohende Verlust der Autorität der Partei unter Chruschtschow, der eine neue Revolution hätte in Gang setzen müssen, um das stalinistische System hinwegzufegen.

Gefangen in Mustern

Darauf folgten die langen Jahre unter Breschnew und das Ende der Sowjetunion 1991. Stalin ist eine Hauptfigur in Figes Analyse, denn bis heute zeigt dessen Gewaltsystem Nachwirkungen. «Es ist eine Angst, die nicht bewusst empfunden wird, aber sie ist da, als Erbe des Kommunismus, das dazu führt, Autorität zu akzeptieren, der Staatspropaganda zu glauben, keine Fragen zu stellen», sagt Figes

Und Putin? Dreht er das Rad zurück? Nein, aber Russland ist gefangen in den Mustern seiner Geschichte, seiner Mentalität von Angst und Schweigen in der Bevölkerung. Nach wie vor kann deshalb das Mittel der Gewalt eingesetzt werden, um die Menschen einzuschüchtern und nationale Ziele zu erreichen. Orlando Figes blickt in die Vergangenheit, die Lektüre hilft aber auch zum Verständnis des Abdriftens Russlands unter Putin in die Autokratie.