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«Die AfD ist in einem Gärungs- und Lernprozess.»

AfD-Co-Chef Alexander Gauland empört mit einer verharmlosenden Äusserung über die NS-Zeit. Der Wunsch nach einem neuen Blick auf die deutsche Geschichte sei bei AfD-Anhängern weit verbreitet, sagt Wissenschafter Werner Patzelt.
Interview: Christoph Reichmuth, Berlin
Alexander Gauland (Dritter von rechts) an einer Demonstration der AfD in Berlin. (Bild: Omer Messinger/EPA (27. Mai 2018))

Alexander Gauland (Dritter von rechts) an einer Demonstration der AfD in Berlin. (Bild: Omer Messinger/EPA (27. Mai 2018))

Werner Patzolt, der AfD-Co-Vorsitzende Alexander Gauland empört mit einer verharmlosenden Äusserung über die Nazi-Diktatur. Er sagte Hitler und die Nazis seien nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte. Ist hier die Provokation um jeden Preis die Strategie dahinter?

Es gibt führende AfD-Politiker, die dazu neigen, wichtige Themen mit Stammtischparolen aufzugreifen. Das mag Stammtischpolitiker und ihr Publikum erfreuen. Zu einem seriösen Blick auf die eigene Geschichte und die Lehren, die es aus ihr zu ziehen gilt, taugen solche Stammtischparolen nicht.

Gauland hat mit seiner Aussage mediale Aufmerksamkeit generiert – einmal mehr. Hat er damit sein Ziel schon erreicht?

Die AfD wird tut sich keinen Gefallen, wenn sie öffentlich als Partei dargestellt werden kann, deren führende Politiker die Zeit des Nationalsozialismus verharmlosen. Ich warne allerdings davor, jeden Unfug, den die AfD betreibt, als Ausfluss einer höheren Provokationsstrategie zu deuten. Manches, was die AfD-Exponenten von sich geben, ist nichts als ganz authentischer Unsinn, zu dem es kommt, wenn man sich rhetorisch gehen lässt. Das aber für Politiker in Führungspositionen unverantwortlich.

Die Zeit des NS-Regimes bestimmt die deutsche Politik bis heute in hohem Masse – sei es im Umgang mit Israel, sei es im Umgang mit Zuwanderern. Aus der AfD kommt immer wieder die Forderung, sich von der Geschichte der Nazi-Diktatur zu befreien. Alexander Gauland rief auch dazu auf, Deutschland solle endlich stolz sein dürfen auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen. Will die AfD die Nazi-Zeit am liebsten ausblenden, um ungehemmter Politik gegen Migranten und die Europäische Union zu führen?

Worum es vielen AfD-Politikern geht: Sie wollen, dass die deutsche Geschichte nicht – wie so oft in volkspädagogischer Absicht vollzogen – immer wieder auf die Zeit des Nationalsozialismus reduziert wird. Es lässt sich ja auch verstehen, dass viele Deutsche es nicht mögen, wenn die Entwicklung ihres Landes vor allem als Vor-, Verbrechens- und Nachgeschichte des NS-Regimes dargestellt wird. Viele in der AfD verstehen im Übrigen die Veränderung Deutschlands zu einer Einwanderungsgesellschaft mit möglichst offenen Grenzen als Versuch einer Busse für die Verbrechen des Nationalsozialismus: Weil Deutsche zum Faschismus neigten, müsse man das Deutsche an Deutschland ausdünnen, am besten durch Zuwanderung ohne weiterhin deutsche Rahmenkultur. Auf diese Weise wird die Migrationspolitik mit der Geschichtspolitik zusammengedacht, und zwar sowohl bei den Anhängern als auch bei den Gegnern der AfD.

Die AfD kommt in Umfragen auf 15 Prozent – warum wird die Partei durch Äusserungen wie jene von Alexander Gauland nicht geschwächt?

Weil mindestens ein Viertel der Deutschen bezüglich der Geschichte ihres Landes genauso empfindet wie Gauland es ausgedrückt hat! Die Empörung darüber empfinden deshalb nicht nur AfD-Anhänger wie Fusstritte gegen sich selbst. Angesichts von Behauptungen, nun könne man erst recht nicht mehr eine Partei mit Anführern wie Gauland wählen, fühlen sich sehr viele deshalb erst recht in ihrer Absicht bestärkt, sich dauerhaft von den etablierten Parteien abzuwenden.

Alexander Gauland musste – nicht zuletzt auch nach Kritik aus den eigenen Reihen - zurückkrebsen. In einem Statement drückte er gestern sein Bedauern über die «Missdeutung» seiner Worte aus. Droht der Partei schon wieder die Spaltung in das Lager der Extremen und der Gemässigten?

Die AfD ist nicht auseinandergebrochen, nachdem die vormalige Co-Vorsitzende Frauke Petry ausgetreten ist, sie wurde nicht gespalten, als AfD-Mitgründer Bernd Lucke 2015 die Partei im Streit verlassen hatte. Und die Partei wird sich auch jetzt nicht spalten, selbst wenn Alexander Gauland nun den Co-Vorsitz abgeben würde. Sie ist einfach in einem Gärungs- und Lernprozess.

Welches Potenzial geben Sie der Partei?

Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wie geht es mit der Zuwanderung und ihren Folgeproblemen weiter? Ziehen CDU und SPD nur Trennstriche nach rechts, oder umwerben sie wieder ihre abgewanderten Wähler? Und bemüht sich die AfD erfolgreich darum, eine glaubwürdige und verlässliche Partei zu werden? Denn mit Stammtischparolen lässt sich zwar so mancher Wahlkampf gewinnen, doch nicht der Status einer ernstzunehmenden Partei erarbeiten. Im Übrigen leben gerade Totgesagte oft noch lange – und die AfD vermutlich auch.

(Bild: Wikipedia)

(Bild: Wikipedia)

Zur Person

Werner Josef Patzelt (65) ist Politikwissenschafter an der Technischen Universität in Dresden.

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