Die ägyptische Armee – Januskopf der Macht

Der bewaffnete Arm des Volkes oder ein Staat im Staate? In Ägypten ist dies kein Entweder-Oder. Es gilt beides. Die Armee ist gleichzeitig die Hoffnung des Volkes und der Sicherheitsgarant der Profiteure des bisherigen Machtsystems Mubaraks.

Walter Brehm
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Ein ägyptischer Offizier wird in Kairo von Demonstranten gefeiert. (Bild: ap/Lefteris Pitarakis)

Ein ägyptischer Offizier wird in Kairo von Demonstranten gefeiert. (Bild: ap/Lefteris Pitarakis)

Nach den ersten Zusammenstössen zwischen Oppositionsbewegung und Sicherheitskräften vor einer Woche haben Ägyptens Regimegegner den Einmarsch der Armee in die grossen Städte bejubelt. Viele hofften auf das Vorbild Tunesien, wo sich die Armee auf die Seite des Aufstandes gegen Diktator Ben Ali gestellt hat.

Spiegel des Volkes . . .

Diese Hoffnung wurde enttäuscht. Zwar hat sich die Armee an das Versprechen ihrer Führung gehalten, nicht auf das Volk zu schiessen. In den vergangenen Tagen hat sie aber weitgehend passiv die bezahlten Schläger des Regimes gegen die Demonstranten wüten lassen.

Dennoch: Ägyptens Streitkräfte sind ein Spiegel des Volkes. Anders als in den meisten arabischen Staaten gilt die Wehrpflicht. Je nach Schulbildung der Rekruten dauert der Militärdienst zwischen 12 und 36 Monate.

. . . und des Regimes

Gleichzeitig ist die Armee aber nicht nur Stütze des Regimes. Sie i s t das Regime. Nachdem der «Rat der jungen Offiziere» 1952 König Faruk gestürzt hatte, wurde das das Offizierskorps zum personellen Reservoir der Macht. Alle bisherigen Präsidenten der Republik – Gamal Abdel Nasser, Anwar al-Sadat und Hosni Mubarak – waren führende Offiziere.

Um die Loyalität der Armee trotz ihrer Doppelrolle zu sichern, wird sie gleich dreifach überwacht: vom allgemeinen Geheimdienst, an dessen Spitze bis vor wenigen Tagen der jetzige Vizepräsident Omar Suleiman stand, vom militärischen Sicherheitsdienst und vom Nationalen Sicherheitskomitee. Verdächtig ist allen dreien vor allem, wer viel betet. Dennoch dürften in den Mannschaften und in den unteren und mittleren Offiziersrängen die Anhänger der Moslembruderschaft gut vertreten und die Distanz zu den privilegierten Profiteuren des bisherigen Regimes gross sein.

Nimbus Volksarmee

Ihren Nimbus als Volksarmee haben die Streitkräfte vor allem mit ihren Teilerfolgen im letzten Krieg gegen Israel 1973 erworben. Er hat überdauert, obwohl die Armee seither zweimal in innenpolitischen Konflikten eingesetzt wurde: 1977 in den «Brot-Unruhen» und 1986 gegen plündernde Polizisten, die erfolglos höhere Löhne gefordert hatten.

Profiteure des Wandels

Seit dem Frieden mit Israel 1978 widmet sich die Offizierskaste zudem vor allem wirtschaftlichen Interessen. Anwar al-Sadat überführte den «arabischen Sozialismus» Nassers sukzessive in eine ungeregelte Liberalisierung der Wirtschaft. Pensionierte aber auch aktive Offiziere gründeten Unternehmen und wurden zu den wichtigsten Arbeitgebern des Landes. Hohen Offizieren gehören heute zum Beispiel grosse Farmen, welche auch die Armee profitabel mit Lebensmitteln beliefern, und Baufirmen, die bestens an wachsenden Überkapazitäten der ägyptischen Hotellerie verdienen.

Die Selbst-Verteidiger

Der Aufstand gegen Präsident Mubarak hat die Offiziere in ein Dilemma gestürzt. Einerseits haben sie ihm viel zu verdanken. Auf der anderen Seite fürchten sie um ihre Pfründen, stünden sie plötzlich auf der Verliererseite. Mit der Ernennung der Generale Suleiman und Shafik zum Vizepräsidenten und zum Premier hat ihnen der Pharao einen letzten Gefallen erwiesen: sie gewinnen Zeit. Und der amerikanische Vorschlag, Suleiman zum Übergangspräsidenten zu machen, zeigt eine gemeinsame Hoffnung der Generale und Washingtons – dass die Popularität der Armee ausreichen möge, auch in einem reformierten System die Berechenbarkeit Ägyptens zu garantieren.

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