Die Adivasi fordern ihren Wald zurück

Bambus, Bauxit, Eisen: Indiens Wald ist eine Goldgrube. Die Ureinwohner des Landes erhielten von der Regierung vor einigen Jahren zwar die Nutzungsrechte. Doch korrupte Beamte widersetzen sich, um ihre Pfründe zu retten. Und so flammt immer wieder auch eine blutige Rebellion auf.

Merken
Drucken
Teilen
Prakash Madavi pflückt Tendu-Blätter, in Indien «Grünes Gold» genannt. Sein Dorf Mendha war das erste, welches das Recht der Ureinwohner auf freie Nutzung ihrer Wälder auch durchsetzte.

Prakash Madavi pflückt Tendu-Blätter, in Indien «Grünes Gold» genannt. Sein Dorf Mendha war das erste, welches das Recht der Ureinwohner auf freie Nutzung ihrer Wälder auch durchsetzte.

Viel braucht es nicht, zwei drei Schläge mit der Axt, schon splittert das Holz, und Prakash Madavi zerrt den dünnen Bambusstamm aus dem Gehölz. Äste und Blätter sind schnell entfernt, dann legt er die gerippte Röhre auf den Stapel am Rande einer Waldlichtung. Für heute ist das genug, und morgen wird er mit ein paar Freunden zurückkehren, um die Ernte ins Dorf zu bringen. Auf dem Weg nach Hause bleibt Prakash an einem Busch stehen, pflückt ein paar Blätter und stapelt sie zu einem Paket, das er mit einem Faden zusammenbindet. «Tendu-Blätter», sagt er, «bringen gutes Geld.»

Prakash Madavi ist 35jährig, er ist verheiratet, hat zwei kleine Kinder und lebt mit seiner Familie im Haus seiner Eltern in Mendha, einem kleinen Dorf ganz im Osten des indischen Bundesstaates Maharashtra. Der Gang in den Wald gehört für ihn zur täglichen Routine. Es ist kein Dschungel mit Lianen, die von feuchten Baumriesen hängen. Eher ein lichter Wald, gesprenkelt mit Bambusgehölzen. «Der Wald ist ein Teil von mir», sagt Prakash ohne Umschweife, «denn ohne Wald kann ich nicht leben.»

Leben vom Wald

Das ist nicht etwa romantische Verklärung, sondern harter ökonomischer Zwang. Denn die knapp 500 Einwohner Mendhas hängen tatsächlich vom Wald und seinen Produkten ab. Sie gehören zu den Gond, einem der grössten Völker unter den rund 70 Millionen Adivasi, den indischen Ureinwohnern. Von der modernen indischen Gesellschaft an den Rand gedrängt, leben die meisten Adivasi in abgelegenen Regionen von der Landwirtschaft – und seit Urzeiten auch von dem, was die Wälder, die einst grosse Teile Indiens bedeckten, ihnen geben.

Das Gemeindegebiet von Mendha besteht zu 80 Prozent aus Wald, wie fast alle Dörfer der Region. Doch Mendha ist speziell: Zusammen mit dem Nachbardorf Mardah ist es ihm 2009 mit Unterstützung des Schweizer Hilfswerks Swissaid gelungen, das im indischen Waldgesetz verbriefte Recht der Ureinwohner auf freie Nutzung ihres Gemeindewaldes rechtlich durchzusetzen, als ersten Dörfern ganz Indiens. Dorfchef Devaji Nayalu Tofa zieht die Urkunde aus einer Plastikhülle: «Klar sind wird stolz darauf, denn wir waren Pioniere einer Bewegung, die vielen Menschen ein besseres Leben brachte.»

Politisch heisses Eisen

Der Wald ist in Indien ein politisch heisses Eisen und ökonomisch ein Milliardengeschäft. Bis vor kurzem hatten die Forstbehörden der Bundesstaaten das Recht, für die Nutzung und Ausbeutung des Waldes Lizenzen zu vergeben, was der Korruption Tür und Tor öffnete. Leidtragende waren die Adivasi, die ursprünglichen Bewohner des Waldes, die nur als Arbeiter im Auftrag von Zwischenhändlern Waldprodukte ernten durften und dafür jämmerlich entlöhnt wurden. Die Profite flossen in die Taschen der Beamten und ihrer Strohmänner – einer der wichtigsten Gründe für den bewaffneten Konflikt mit der maoistischen Guerilla der Naxaliten in weiten Teilen Zentralindiens (siehe Kasten).

«Historisches Unrecht»

2006 verabschiedete das Bundesparlament in Delhi indessen ein neues Waldgesetz und setzte damit dem korrupten Treiben – wenigstens theoretisch – ein Ende. Das Gesetz stellt klar, dass die Adivasi die rechtmässigen Eigentümer des von ihnen bewohnten Waldes seien und dass dessen Ausbeutung durch die Behörden der Bundesstaaten und die Unterdrückung der Adivasi ein «historisches Unrecht» darstelle.

Auf diese Grundlage stützte sich denn auch der erfolgreiche juristische Kampf Mendhas für seine Waldrechte. In der Praxis bewirkt die simple Waldurkunde in den Händen des Dorfchefs einen gewaltigen Unterschied: Die Blüte des Mahua-Baums ist nach Tendu und Bambus das wichtigste vermarktbare Waldprodukt – und seit Mendha eigene Waldrechte hat, lösen die Bewohner mehr für die kleine beige Blüte. «Früher erhielten wir drei Rupien pro Kilo», sagt Prakash Madavi, «heute sind es 15» (30 Rappen). Dies erklärt sich leicht: Die Zwischenhändler der Forstbehörde sind ausgeschaltet, die Adivasi können direkt auf den Markt. Auch bei Tendu-Blättern, in Indien «Grünes Gold» genannt, ist der Erlös für 100 Bündel um 60 Prozent auf 160 Rupien (Fr. 3.30) gestiegen.

«Big Business» mit Waldprodukten

Mendha ist deshalb nicht zum Paradies auf Erden geworden, doch es hat sich einiges verbessert. «Immerhin ist der Hunger aus dem Dorf verschwunden», sagt Nitim Barsinghe von Vrikshamitra (Freunde der Bäume), einer von Swissaid unterstützten Organisation, welche die Adivasi rechtlich unterstützt. Das Problem ist nur: Die Profiteure des früheren Systems versuchen ihre Pfründen zu verteidigen. So halten Forstbeamte die Bewohner Mendhas immer wieder davon ab, ihre Produkte auf den Markt zu bringen, mit der Begründung, dafür brauche es eine «Transit-Bewilligung». Die Situation in anderen Bezirken ist ähnlich, das Magazin «Down to Earth» bezeichnete den Widerstand gegen die Umsetzung des Waldgesetzes deshalb als «regelrechte Verschwörung».

Vetternwirtschaft ist in Indien ein immenses Problem. Auf höchster Ebene manifestierte es sich jüngst in den Skandalen um die Vergabe von Telecom-Lizenzen, beim Kampf um den Wald zeigt es sich in einer «Koalition aus korrupten Beamten, Zwischenhändlern und Bergbaukonzernen», wie sich der unabhängige Berater Subodh Kulkarni ausdrückt. Denn Wald bedeutet in Indien «Big Business». So werden allein im zentralindischen Dschungelgürtel mit Bambus (Baumaterial, Möbel, Parkett), Tendu-Blättern (Zigaretten), Mahua-Blüten (Likör) und Dutzenden weiterer Waldprodukte pro Jahr rund 2,3 Milliarden Franken umgesetzt. Zudem liegen in vielen Waldgebieten Bodenschätze (Bauxit, Eisen, Kohle), riesige Stahlwerke sind in Planung.

«Das Recht, unser Recht zu fordern»

Die Regierung hat inzwischen erkannt, dass die korrekte Umsetzung des Waldgesetzes entscheidend zur Entschärfung des Konflikts mit den Naxaliten beitragen könnte. Subodh Kulkarni stimmt zu. «Man muss den Adivasi die Kontrolle über den Wald und seine Produkte zurückgeben», fordert er, denn nur so könne man den ökonomischen Konflikt entschärfen und den Maoisten die Rekrutierungsbasis unter den perspektivelosen Jugendlichen entziehen. Auch Nitim Bharsinghe von Vrikshamitra hofft, dass sich diese Einsicht letztlich durchsetzen wird. Die «Freunde der Bäume» jedenfalls werden ihren Einsatz für die Rechte der Adivasi verstärken, denn: «Es ist unser Recht, unser Recht zu fordern.»

Lorenz Kummer, Mendha