Dicke Luft zwischen Ankara und Washington

Es war ein bemerkenswerter Satz von Ministerpräsident Binali Yildirim am Samstag im Parlament: «Jedes Land», sagte er, «das jetzt noch Fethullah Gülen und seine Bewegung unterstützt, werden wir als im Kriegszustand mit der Türkei betrachten.

Jürgen Gottschlich/Istanbul
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Es war ein bemerkenswerter Satz von Ministerpräsident Binali Yildirim am Samstag im Parlament: «Jedes Land», sagte er, «das jetzt noch Fethullah Gülen und seine Bewegung unterstützt, werden wir als im Kriegszustand mit der Türkei betrachten.» Der 75jährige Prediger und Guru der islamistischen Gülen-Bewegung war schon in der Nacht auf Samstag in einer der ersten Stellungnahmen Präsident Erdogans als Drahtzieher des Putschversuches angeprangert worden. Doch zum Ärger des türkischen Präsidenten kommen seine Polizisten und Staatsanwälte nicht an ihn heran, denn dieser lebt in den USA. Noch in der Putschnacht forderte Recep Erdogan zum wiederholten Mal die amerikanische Regierung in Washington auf, Gülen an die Türkei auszuliefern, doch bisher vergeblich.

Kerry weist Beschuldigungen zurück

Aussenminister John Kerry sagte am Samstag, die türkische Regierung werde dann ja wohl Beweise für die Schuld Gülens vorlegen, die dann in einem förmlichen Verfahren geprüft würden. Doch stattdessen erhöhten Erdogan und sein Ministerpräsident Yildirim den Druck. Wenn Gülen nicht ausgeliefert werde, hiess es aus der Regierung, müsse man wohl davon ausgehen, dass die USA an dem Putschversuch beteiligt gewesen seien. Kerry liess daraufhin erklären: «Öffentliche Behauptungen oder Andeutungen über jedwede Beteiligung der USA an dem gescheiterten Putschversuch sind völlig falsch und schädlich für unsere bilateralen Beziehungen.»

Die Gunst der Stunde nutzen

Ob es Erdogan und seiner Regierung im Streit mit den USA aber nur um eine Auslieferung von Fethullah Gülen geht, ist fraglich. Viel wahrscheinlicher ist, dass Erdogan gegenüber den USA jetzt die Gunst der Stunde nutzt, um eine andere Forderung durchzusetzen, an der ihm sehr viel mehr liegt. Im Kampf gegen den IS arbeitet das US-Militär in Syrien eng mit den syrischen Kurden zusammen. Erdogan sieht das als Affront, weil die syrischen Kurden wiederum auch von der türkisch-kurdischen PKK-Guerilla unterstützt werden.

Das müsse aufhören, hat der türkische Präsident mehrfach von Barack Obama gefordert, die USA habe sich zwischen der Türkei und der PKK zu entscheiden. Profitieren von dem Konflikt könnte nun aber erst einmal der IS. Denn etliche der fanatischsten Erdogan-Anhänger betrachten den sogenannten Islamischen Staat ohnehin als besseren Freund als die USA.