Das Ende einer Ära: Abschied von Angela Merkel bei Grossem Zapfenstreich

Melissa Schumacher

Deutschland
Zum Abschied rote Rosen: Angela Merkels emotionaler letzter Auftritt als Kanzlerin

Angela Merkel verlässt die grosse Politbühne mit einem Nina-Hagen-Hit. In ihrer wohl letzten grossen Rede setzte sie ein Zeichen gegen Hass. Den Rekord von Helmut Kohl verpasst sie um wenige Tage.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Feierliches Ende einer 16 Jahre dauernden Ära: Die abtretende Kanzlerin Angela Merkel am Donnerstagabend beim «Zapfenstreich» in Berlin.

Feierliches Ende einer 16 Jahre dauernden Ära: Die abtretende Kanzlerin Angela Merkel am Donnerstagabend beim «Zapfenstreich» in Berlin.

Markus Schreiber / AP/02.12.2021

Ein Augenblick für die Geschichtsbücher. Im historischen Bendlerblock im Zentrum Berlins, in dessen Hof 1944 die Widerständler rund um Claus Schenk Graf von Stauffenberg hingerichtet worden sind und heute das Verteidigungsministerium seine Büros hat, ehrte das Bundeswehr-Orchester die abtretende Kanzlerin Angela Merkel mit dem traditionellen Zapfenstreich. «Ich empfinde Dankbarkeit und Demut. Demut vor dem Amt, Dankbarkeit für das Vertrauen», sagte die 67-Jährige in ihrer vermutlich letzten grossen Rede, bevor sie das Zepter definitiv an ihren Nachfolger Olaf Scholz von der SPD überreicht.

Angela Merkel mit einer Rose in der Hand neben ihrem Mann Joachim Sauer.

Angela Merkel mit einer Rose in der Hand neben ihrem Mann Joachim Sauer.

Michael Kappeler / dpa

Merkel blieb bei ihrem offiziellen politischen Abschied gewohnt nüchtern, emotionale Rührung war bei ihr kaum zu erkennen. Ihrem Nachfolger und der von ihm geführten neuen Bundesregierung wünschte Merkel «eine glückliche Hand und viel Erfolg». Sie rief dazu auf, sich Hass und Hetze entgegenzustellen und stattdessen mit «Fröhlichkeit im Herzen» an die Arbeit zu gehen:

«Es ist diese Fröhlichkeit im Herzen,
die ich unserem Land auch für
die Zukunft wünsche.»

Es war eine typische Merkel-Rede, die unprätentiöse Politikerin hat auch in ihrem letzten grossen Auftritt darauf verzichtet, sich und ihre Erfolge selbst in den Mittelpunkt der Zeremonie zu stellen. Vielmehr dankte sie mehrmals politischen Weggefährten und auch ihrer Familie.

Die Highlights aus Angela Merkels Politkarriere.

Drei Songs durfte sich Merkel von der Bundeswehr-Musikkapelle wünschen, mindestens zwei davon waren für die Musikerinnen und Musiker eine ziemliche Herausforderung, im Notenarchiv des Bundeswehr-Orchesters jedenfalls fanden sich zu den Stücken keine Noten. So hat sich die in der DDR sozialisierte Merkel für Nina Hagens «Du hast den Farbfilm vergessen» entschieden. Einer der grössten DDR-Hits der späteren «Godmother of Punk» aus dem Jahr 1974. Wohl eine Reminiszenz Merkels an eine Zeit im längst untergegangenen Bauern- und Arbeiterstaat, die sie bis heute prägt.

Mit Hildegard Knefs Klassiker «Für mich solls rote Rosen regnen» und dem Kirchenlied «Grosser Gott, wir loben dich» huldigt Merkel, die ostdeutsche Pfarrerstochter, - vermutlich - auch den Westen der Republik, die christlichen Wurzeln ihrer CDU und von sich selbst. Doch auch bei den feierlich vorgetragenen Liedern kullerten Merkel keine Tränen über die Wangen. Das war bei ihrem Vorgänger Gerhard Schröder anders. Als die Militärmusik das von ihm gewünschte «I did it my Way» von Frank Sinatra anstimmte, vergoss der Genosse vor Rührung - vermutlich auch über sich selbst - einige Tränen.

Original-Video von Nina Hagens grösstem DDR-Hit «Du hast den Farbfilm vergessen» aus den 70er Jahren.

Youtube

Merkel verpasst einen Rekord

Der grosse Merkel-Abschied ging an diesem Donnerstag etwas unter. Die Schlagzeilen bestimmen seit Tagen Corona. Noch am Donnerstagnachmittag nahm Merkel an einem Bund-Länder-Gipfel teil, um Massnahmen in der Coronapandemie auf den Weg zu bringen. Ihr designierter Nachfolger Olaf Scholz hat die politische Gangart in den letzten Wochen bereits dominiert.

Ihm gelang in nur zwei Monaten die Bildung einer Regierung mit Grünen und der FDP. Die rasche Regierungsbildung vermiest Merkel einen Rekord. Würde sie bis zum 19. Dezember kommissarisch im Amt bleiben, wäre sie vor «Einheitskanzler» Helmut Kohl die Kanzlerin mit der längsten Amtszeit. Kohl regierte von 1982 bis 1998 insgesamt 5870 Tage. Wird Scholz auch tatsächlich, wie angestrebt, schon nächste Woche als neuer Kanzler vereidigt, fehlen der Physikerin wenige Tage zum alleinigen Rekord. Merkel wird das verkraften, auf solche Statistiken legt die Naturwissenschaftlerin keinen Wert. Wichtiger wird ihr sein, wie ihr politisches Erbe dereinst bewertet werden wird.

Angela Merkels politische Laufbahn in Bildern:

In der DDR aufgewachsen und dort als Physikerin tätig, erringt Angela Merkel (geb. 1954) für die CDU nach der Wende, bei der Wahl 1990, ein Bundestagsmandat. Schon 1991 wird sie Ministerin für Frauen und Jugend im Kabinett von Kanzler Helmut Kohl. Ab 1994 wird sie bis 1998 Umweltministerin.
22 Bilder
Als die CDU mit Kanzler Helmut Kohl die Wahl von 1998 verliert und Gerhard Schröder (SPD) Kanzler wird, geht Merkel in die Opposition. Hier mit ihrem Parteifreund Friedrich Merz, einem späteren parteiinternen Rivalen, gegen den sie sich durchsetzte.
Parteispendenaffäre: Merkel und Schäuble Wolfgang Schäuble gibt am 10. Januar 2000 zu, dass er 1994 eine Spende von 100'000 D-Mark in bar von dem verurteilten Waffenhändler Karlheinz Schreiber erhalten hatte. Damit hat er Merkel den Weg zum Parteivorsitz und schliesslich auch zur Kanzlerschaft frei gemacht.
Kohl und Merkel nach der Parteispendenaffäre Nach vorherigem Abstreiten bestätigt Helmut Kohl am 16. Dezember 1999 schliesslich, dass er illegale Parteispenden angenommen hat. Auf Druck der CDU-Parteivorsitzenden Angela Merkel tritt er vom Amt des Ehrenvorsitzenden zurück. Die Beziehung zu Merkel kühlt ab.
Merkel wird immer wieder Zielscheibe von Karikaturisten. Diese hier («Kohls Mädchen ist angekommen») stammt von AZ-Karikaturist Silvan Wegmann und erschien am 31. Mai 2005. Angela Merkel wuchs in der DDR auf und war daher wenig vertraut mit den Bräuchen der CDU und ihrer Schwesterpartei CSU. Ihren schnellen Quereinstieg verdankte sie hauptsächlich der Gunst des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl.
Die erste Bundeskanzlerin Mit 397 von 611 Stimmen wurde Angela Merkel am 22. November 2005 zur Bundeskanzlerin gewählt. Nach sieben Vorgängern ist sie die erste Frau im Amt des Bundeskanzlers und gleichzeitig mit 51 Jahren auch die jüngste. Zwei Monate zuvor wurde sie zur Fraktionsvorsitzenden der CDU gewählt.
Angela Merkel und Helmut Kohl 2009: «Kohls Mädchen» wird am 28. Oktober 2009 mit 323 von insgesamt 612 Stimmen erneut zur Bundeskanzlerin gewählt.
Angela Merkel und Karl-Theodor zu Guttenberg: Am 16. Februar 2011 wurde Merkels damaligem Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg vorgeworfen, dass Teile seiner Doktorarbeit ein Plagiat seien. Nachdem diese sich bestätigt hatten, trat er am 1. März 2011 aus allen politischen Ämtern zurück. Zwei Tage später wurde er als Verteidigungsminister entlassen.
Die US-Geheimdienste hatten Angela Merkels Handy jahrelang abgehört 2013 verdichteten sich die Hinweise im Zuge der Überwachungs- und Spionageaffäre, dass der US-Geheimdienst das Handy der Bundeskanzlerin jahrelang ausgehorcht hat. Kurz vor Beginn des Brüsselers EU-Gipfels meinte Merkel: «Das Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht.»
Merkel wird gefeiert Die Zustimmung des Volkes ist gross. An der Bundestagswahl 2014 erreicht ihre Partei einen Zuwachs von 6,9 % gegenüber der vorangegangenen Bundestagswahl und gewinnt die Wahl.
Eine Frau lässt sich und die Union feiern: Angela Merkel am Wahlabend Merkel wurde am 17. Dezember 2014 mit 462 von 621 Stimmen zum dritten Mal zur deutschen Bundeskanzlerin gewählt. Seit der estnische Premierminister Andrus Ansip am 26. März 2014 zurücktrat, ist sie die am längsten amtierende Regierungschefin der Europäischen Union.
Die Raute: Merkels Handstellung wird in Erinnerung bleiben. Bild von 2015.
Ihre Flüchtlingspolitik polarisiert Angela Merkel verspricht am 5. September 2015 tausenden Asylsuchenden, die sich vom Budapester Bahnhof Keleti in Richtung Deutschland aufgemacht haben, aufzunehmen. Doch nicht alle sind mit ihrer Politik zufrieden, es kommt zu vielen Demonstrationen gegen Flüchtlinge, teilweise werden auch leerstehende Asylunterkünfte in Brand gesetzt.
Selfie mit einem Flüchtling: Die Bundeskanzlerin besuchte am 10. September 2016 eine Asylunterkunft in Berlin, bei der das Selfie mit dem Iraker Flüchtling Schakir Kedida entstand.
Nomination für 4. Amtszeit Merkel gibt am 20. November 2016 bekannt, dass sie für eine 4. Amtszeit als Bundeskanzlerin kandidieren will. Am 6. Dezember 2016 wird sie in Essen wieder zur Parteivorsitzenden der CDU gewählt. Zu diesem Zeitpunkt liegt die CDU bei Umfragen klar vorne.
Kanzlerin Angela Merkel gewinnt mit CDU/CSU zwar die Wahlen, erleidet aber deutliche Verluste. Nach dem Scheitern der Jamaika-Koalition mit FDP und Grünen kommt es doch wieder zur Grossen Koalition mit der SPD. Am 14. März 2018 wird Merkel im Bundestag mit 364 Ja-Stimmen wieder zur Kanzlerin gewählt. 355 waren nötig, mindestens 35 Abgeordnete von SPD und CDU/CSU wählten sie nicht.
Am 17. März 2017 trifft Angela Merkel erstmals den damals neugewählten US-Präsident Donald Trump – mit dem sie selten einer Meinung sein sollte.
Unbeholfen im Talar: Momente wie dieser liessen es bei der Unnahbaren menscheln.
Merkel trifft 2018 beim WEF auf den damaligen Bundespräsidenten Alain Berset.
Merkel diese Woche mit dem Präsidenten der Afrikanischen Entwicklungsbank. Auch in der Coronakrise setzte die Kanzlerin auf die Wissenschaft und verhängte zum Teil strengere Massnahmen als andere.
Im Juni 2021 besucht Merkel zusammen mit dem Kanzlerkandidat Armin Laschet das Hochwasser-Gebiet in der Eifel. Die Flutkatastrophe forderte mehr als 130 Menschenleben, Tausende wurden obdachlos.
Nach 16 Jahren an der Spitze der deutschen Regierung gibt Angela Merkel ihr Amt als Bundeskanzlerin aller Voraussicht nach an Olaf Scholz (SPD) weiter.

In der DDR aufgewachsen und dort als Physikerin tätig, erringt Angela Merkel (geb. 1954) für die CDU nach der Wende, bei der Wahl 1990, ein Bundestagsmandat. Schon 1991 wird sie Ministerin für Frauen und Jugend im Kabinett von Kanzler Helmut Kohl. Ab 1994 wird sie bis 1998 Umweltministerin.

AP

Reise mit der transsibirischen Eisenbahn?

Die politischen Vorzeichen lassen darauf schliessen, dass sich in der Bevölkerung kaum eine lange Merkel-Nostalgie ausbreiten wird. Zu unruhig sind die Zeiten, die öffentliche Aufmerksamkeit gilt der Gegenwart. Corona wütet heftig wie nie zuvor, in der Ostukraine droht Krieg. Merkel wird sich ins Private zurückziehen, kein neues politisches Amt anstreben. Sie wolle eine Reise mit der transsibirischen Eisenbahn unternehmen, verriet die 67-Jährige vor einigen Wochen. Und sie wolle mit etwas Abstand zur Politik herausfinden, «was mich so eigentlich interessiert.»

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