«Deutschland verstehen»

Der britische Premier David Cameron geht mit seiner Besucherin, der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, ins Museum und wirbt für EU-Reformen. Gemeinsam verurteilen Cameron und Merkel den Massenmord in Paris.

Sebastian Borger
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Bundeskanzlerin Angela Merkel und Premierminister David Cameron besuchen eine Deutschland-Ausstellung im British Museum in London. (Bild: epa/Facundo Arrizabalaga)

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Premierminister David Cameron besuchen eine Deutschland-Ausstellung im British Museum in London. (Bild: epa/Facundo Arrizabalaga)

LONDON. Der Gastgeber hatte vor allem über neue EU-Reformen sprechen wollen, seine Besucherin war eher auf Weltwirtschaft, Ukraine und Eurozone fokussiert. Doch der Massenmord in Paris überschattete gestern auch die Stippvisite der deutschen Kanzlerin Angela Merkel bei Premier David Cameron in London. Gemeinsam liess sich das Duo von den britischen Geheimdiensten MI5 und MI6 auf den neusten Stand bringen. In einem Telefonat mit Frankreichs Präsidenten François Hollande bekundeten die beiden Regierungschefs Solidarität mit dem EU-Partner sowie Abscheu vor dem Terrorismus. «Wir stehen uneingeschränkt für die Meinungsfreiheit und die Demokratie», sagte Cameron am Abend.

Hochgelobte Ausstellung

Geplant hatte Merkels Stab einen kurzen Arbeitsbesuch der diesjährigen G7-Vorsitzenden. Doch vier Monate vor der Unterhauswahl liess sich Cameron die Chance nicht entgehen, die Regierungschefin des wichtigsten EU-Partners für eigene Zwecke einzuspannen. Deshalb eilte der Konservative bereits nachmittags ins Britische Museum, um die Besucherin zu treffen. Die Kanzlerin hatte sich nämlich ausdrücklich eine Führung durch die hochgelobte Ausstellung «Germany – memories of a nation» gewünscht.

Die Ausstellung hätte Merkel gewiss lieber allein besucht; dann hätten die Kanzlerin und der germanophile Museumsdirektor Neil MacGregor auf Deutsch über die 200 Objekte aus 600 Jahren Kunstgeschichte sprechen können. Die Opernfreundin sollte schliesslich dem Kenner deutscher Liedkunst auch ein wenig schmeicheln: Offensichtlich will Merkel den glänzenden Ausstellungsmacher als Chef des Humboldt-Forums nach Berlin holen.

Regelmässig zu Gast in Berlin

Stattdessen musste nicht nur der Ausstellungsbesuch auf Englisch absolviert werden. Cameron hatte zudem einen kurzen Empfang mit 150 führenden Wirtschaftsvertretern organisiert, auf der Einladungsliste standen viele Spender seiner konservativen Partei. Immerhin hatte Merkels Besuch in einer Hinsicht auf jeden Fall erzieherische Wirkung: «Wenn man Europa und die Welt verstehen will, muss man Deutschland verstehen», sagt MacGregor.

Das Verständnis der konservativ-liberalen Koalition für Europa beschränkte sich zuletzt vor allem darauf, das wichtige Land in der Mitte des Kontinents zu umgarnen. 31mal besuchten britische Regierungsmitglieder im vergangenen Jahr Berlin, in Polen waren sie 13mal zu Gast, in Rumänien überhaupt nicht. Dabei sehen sowohl Konservative wie Labour die Immigration aus den neuen EU-Mitgliedern als überwältigend wichtiges Thema künftiger Zusammenarbeit an. Ende November hatte Cameron als Reformidee vorgeschlagen, Sozialleistungen für Arbeitnehmer aus EU-Partnerländern drastisch einzuschränken. Mit diesem Anliegen findet er Verständnis in Berlin, wo man die Briten gern auf die Möglichkeit nationaler Bestimmungen innerhalb der EU-Gesetze hinweist. Hingegen schreckte Cameron nach einer deutlichen Äusserung der sonst stets vorsichtigen Kanzlerin davor zurück, am fundamentalen Prinzip der Freizügigkeit zu rütteln.

Kein Treffen mit Miliband

Beim Arbeitsessen in der Downing Street ging es um die Agenda für Deutschlands Vorsitz des G7-Gipfels. Das einseitige Bulletin nannte als wichtige Vorhaben neben der Reform der Eurozone den Klimaschutz, die Lehren aus Ebola sowie das geplante Freihandelsabkommen mit den USA. Ausführlich besprachen die beiden Regierungschefs weitere Reformschritte für die EU, aber auch den unerklärten Krieg in der Ukraine.

Anders als vor Jahresfrist traf Kanzlerin Merkel diesmal nicht mit Oppositionsführer Edward Miliband zusammen, dessen Labour-Partei in den Umfragen knapp vor Camerons Konservativen liegt.