DEUTSCHLAND: Sorge über Judenfeindlichkeit

Ein antisemitischer Vorfall an einer Berliner Schule heizt die Debatte über «importierte Judenfeindlichkeit» an. Für einen Experten greift diese Schlussfolgerung zu kurz.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Religiös motiviertes Mobbing an Berliner Schulen trifft immer mehr Kinder jüdischer Herkunft. (Bild: Getty)

Religiös motiviertes Mobbing an Berliner Schulen trifft immer mehr Kinder jüdischer Herkunft. (Bild: Getty)

Christoph Reichmuth, Berlin

Ein Fall von religiösem Mobbing an einer Berliner Grundschule sorgt derzeit für heftige politische Reaktionen. Eine Schülerin der zweiten Primarschulstufe wurde von muslimischen Mitschülern mehrfach angepöbelt, weil sie nicht an Allah glaubt. Dass das Mädchen jüdisch ist, haben die Mitschüler zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst. Erst, als auch ihre jüdischen Wurzeln bekannt geworden waren, wurde die Schülerin verbal attackiert und auf dem Pausenhof als «Jude» beschimpft.

Durch diesen jüngsten Fall wird erneut eine Debatte um Antisemitismus und religiöses Mobbing an Schulen angestossen. Schon mehrmals ist es ­zuletzt an Berliner Schulen zu ähnlichen Vorfällen gekommen, zumeist ging das religiöse – in der Regel antijüdisch motivierte – Mobbing von muslimischen Mitschülern aus. Die Berliner Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) hat im letzten Jahr 18 antisemitische Vorfälle an Berliner Schulen ­registriert. Diese reichen von ­judenfeindlichen Sprayereien auf Schultoiletten bis hin zu Gewaltandrohungen auf Pausenhöfen. Rias geht allerdings von einer grossen Dunkelziffer aus.

Ruf nach harten Strafen

Politiker jeglicher Couleur heben nach dem jüngsten Vorfall den Mahnfinger. «Wenn unsere Schulen zum Austragungsort werden für religiöse Konflikte, dürfen wir das nicht im Ansatz akzeptieren», sagte der Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Alexander Dobrindt. Er fordert eine «Null-Toleranz-Strategie gegen den Schulhof-Islamismus» und mahnt bei religiösem Mobbing Konsequenzen bis hin zum Schulverweis an. Auch aus der CDU wird der Ruf nach harten Strafen laut. Berlins regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) spricht von einem «furchtbaren und besorgniserregenden Vorfall». Der innenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Karsten Woldeit, warnt vor einer ­zunehmenden Radikalisierung muslimischer Schüler: «Es gehört zur Wahrheit, dass es sich dabei auch zum Grossteil um einen importierten Antisemitismus handelt, vor dem viele die Augen verschliessen», sagt der Abgeordnete und fordert gezielte Präventionsarbeit bei jungen muslimischen Schülern.

Besorgt zeigt sich auch Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Die Judenfeindlichkeit an Berliner Schulen sei ein rapide wachsendes Problem. «Immer häufiger werden antisemitische Vorfälle bekannt, die von muslimischen Schülern ausgehen. Das ist zutiefst beunruhigend und erfüllt mich mit grosser Sorge», sagt Schuster.

«Problematische Skandalisierung»

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, schlägt eine gemeinsame Informationsoffensive von Muslimen und Juden an Berliner Schulen vor. Imame und Rabbiner sollen in Schulklassen für «Dialog, Aufklärung und gegenseitige Achtung» werben, so Mazyek.

Marcus Funck vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin (TU), rät indes zur Besonnenheit. «Die aktuell um sich greifende Skandalisierung des Vorfalls ist problematisch», sagt Funck gegenüber unserer Zeitung. Beim vorliegenden Fall handle es sich in erster Linie um Mobbing, da die jüdischen Wurzeln der Schülerin zunächst gar nicht bekannt gewesen seien. «Es ist also kein primär gezielter antisemitischer Akt, sondern Mobbing aufgrund von religiöser Intoleranz», sagt Funck. Judenfeindlichkeit unter Muslimen, insbesondere unter den in den letzten Jahren zugewanderten Muslimen, existiere indes tatsächlich. Trotz der zunehmenden Zahl antisemitischer Vorfälle an Berliner Schulen warnt Funck davor, pauschal von «importierter Judenfeindlichkeit» zu sprechen. «Importierter Antisemitismus würde voraus­setzen, dass es diese Form von ­Judenfeindlichkeit zuvor in Deutschland nicht gegeben hat. Das ist nachweislich falsch.» Im arabischen Raum verbreitete klassische judenfeindliche Einstellungen – aufgrund der politischen Verwerfungen im Nahen Osten – würden in Europa auf den historisch gewachsenen Anti­semitismus stossen «und sich hier in Deutschland, aber auch in Europa neu verbinden». Ein Indiz für den vor allem politisch motivierten Antisemitismus der arabischen Zuwanderer sei die in Wellen aufbrechende Judenfeindlichkeit in Deutschland bei besonderen Ereignissen. «Wenn es im Nahostkonflikt zu Zusammenstössen zwischen Palästinensern und Juden kommt, dann zeigt sich die Judenfeindlichkeit der arabischen Zuwanderer bei uns in besonders hohem Masse.»

Bildungslücken über Holocaust

Funck sieht einen Ausweg aus dem religiösen Mobbing an Schulen über Bildungsprogramme. Eine Umfrage unter 14- bis 16-jährigen Schülern in Deutschland hat im Herbst 2017 ergeben, dass lediglich 59 Prozent der Schülerinnen und Schüler wissen, dass Auschwitz-Birkenau ein Konzentrations- und Vernichtungslager war. Mit Ursache für dieses historische Unwissen seien Sparmassnahmen an Schulen und damit im Zusammenhang stehende Kürzungen der Lehr­pläne. «Das Wissen über den ­Holocaust ist zentral für unsere politische Kultur», sagt Funck. Er fordert, dass der Geschichtsunterricht ausgebaut wird – und die Geschichte über den Holocaust mit der Gegenwart verknüpft werde. «Dabei sollte Diskriminierung im Allgemeinen thematisiert werden, der sich auch viele arabischstämmige Mitschüler ausgesetzt sehen.»

Auch müssen ein Zusammenhang zwischen der Gründung des Staates Israel mit dem historisch gewachsenen Antisemitismus in Europa hergestellt und die Gründe für den Nahostkonflikt erläutert werden. Ein Patentrezept gegen religiöses Mobbing sei dies nicht. Aber die Schüler – unabhängig ihrer Herkunft – könnten für Diskriminierung besser sensibilisiert werden. «Wichtig ist, dass den Schülern die Tragweite ihres Handelns bewusst gemacht werden kann», schliesst Funck.