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DEUTSCHLAND: Menschenversuche für PR-Zwecke

Im Auftrag von VW, BMW und Daimler wurden Versuche an Affen und Menschen durchgeführt. Ziel: den Diesel als sauberen Antrieb zu preisen. Ex-BMW-Volkswirt Helmut Becker glaubt, dass die Experimente in den Chefetagen bekannt waren.
Christoph Reichmuth, Berlin
Aufgrund des Dieselskandals stehen deutsche Autobauer schon länger in der Kritik. Die nun bekannt gewordenen Menschen- und Tierversuche dürften das Image der Konzerne weiter verschlechtern. (Bild: Clemens Bilan/EPA (Berlin, 2. August 2017))

Aufgrund des Dieselskandals stehen deutsche Autobauer schon länger in der Kritik. Die nun bekannt gewordenen Menschen- und Tierversuche dürften das Image der Konzerne weiter verschlechtern. (Bild: Clemens Bilan/EPA (Berlin, 2. August 2017))

Christoph Reichmuth, Berlin

Werbekampagne für den «sauberen Diesel» anhand von fragwürdigen Versuchen an Affen und Menschen: Die deutsche Automobilindustrie, allen voran der Volkswagen-Konzern, kommt zweieinhalb Jahre nach Auffliegen der Diesel­affäre nicht zur Ruhe.

Im Zuge der Aufarbeitung rund um manipulierte Abgaswerte bei Dieselmotoren in den USA sind übers Wochen­ende Tests bekannt geworden, welche im Namen von VW, Daimler und BMW in den USA im Jahr 2014 durchgeführt worden sind. Demnach wurden im Wüstenstaat New Mexico zehn Affen während mehrerer Stunden in einem Testlabor in eine luftdichte Kammer gesteckt. Die Affen wurden mit Zeichentrickfilmen beruhigt, währenddessen in die Kammer zunächst Abgase eines neuen VW Beetle, später die Abgase eines Ford-Diesels aus dem Jahr 1999 geleitet wurden. Mit der Studie wollten Daimler, BMW und VW laut Presseberichten die angebliche Sauberkeit des modernen Diesels aus deutscher Autoproduktion beweisen und aufzeigen, dass die Schadstoffbelastung im Gegensatz zu früheren Modellen erheblich abgenommen hat. Die Absicht der Autobauer war klar: den Ruf des Diesels als sauberen Antrieb retten.

Versuche mit 25 jungen Menschen

Allerdings: Der zu Testzwecken verwendete VW Beetle war schon damals mit der manipulierten Software ausgestattet. Die den Affen zugeführten Stickoxidwerte entsprachen also nicht den realen Ausstosswerten im Strassenverbrauch. Zum Zeitpunkt der Studie genoss der Selbstzünder, von den deutschen Autobauern als umwelt- und gesundheitsschonend beworben, einen zweifelhaften Ruf, nachdem der Diesel von der Weltgesundheitsorganisation WHO 2012 als krebserregend eingestuft worden war. Perfid: Die in den USA an den Tieren durchgeführten Untersuchungen wurden – unter dem Deckmantel einer angeblich wissenschaftlichen Institution – von einer reinen Autolobby-Organisation in Auftrag gegeben. Die 2007 gegründete und im Sommer 2017 aufgelöste Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT) ist nicht, wie der Name suggeriert, eine unabhängige Forschungsstelle, sondern ein von Daimler, VW und BMW finanziertes Institut mit dem Auftrag, Forschungsergebnisse im Sinne der Autoindustrie zu veröffentlichen. Federführend soll der in Wolfsburg beheimatete VW-Konzern gewesen sein.

Damit nicht genug: Wie unter anderem die «Stuttgarter Zeitung» gestern publik machte, finanzierte die EUGT Tests mit Stickstoffdioxiden auch an Menschen. An der Universität Aachen sollen demnach 25 gesunde Menschen entsprechenden Belastungen ausgesetzt worden sein, die Ethikkommission soll die Studie als vertretbar bewertet haben. Die jungen Menschen atmeten das Gas in unterschiedlicher Konzentration ein, danach wurden die Probanden medizinisch untersucht. Laut der 2016 ver­öffentlichten Studie seien keine negativen Wirkungen auf Menschen festgestellt worden. Diese Studie soll allerdings nicht im Zusammenhang mit der im Herbst 2015 aufgeflogenen Dieselaffäre rund um manipulierte Abgaswerte stehen.

Geharnischte Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten. Kanzlerin Angela Merkel bezeichnete die Tests an Affen und Menschen via ihren Sprecher als «ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen». Die Empörung vieler Menschen sei «absolut verständlich». Auf Distanz zu den Versuchen gingen auch die Autokonzerne selbst. Sowohl Daimler als auch BMW und VW distanzierten sich von den Abgastests an lebenden Probanden, VW entschuldigte sich für die Affenversuche bereits am Wochenende. Der Aufsichtsratsvorsitzende von VW, Hans Dieter Pötsch, hat die Versuche mit Affen als «in keinster Weise nachvollziehbar» bezeichnet, die Vorgänge würden «vorbehaltlos und vollständig» aufgeklärt. Daimler verurteilte Abgasversuche an Affen und Menschen «auf das Schärfste». Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), Mitglied des VW-Aufsichtsrats, hat die Versuche als «absurd und widerlich» eingestuft, das gelte erst recht, «wenn sich entsprechende Testreihen auf Menschen beziehen».

Heikel wegen NS-Vergangenheit

Auffallend ist, dass die Autobauer die Schuld offenkundig bei den Studienleitern der EUGT suchen. Dabei dürften die für PR-Zwecke durchgeführten Tests an Affen und Menschen auch in den Chefetagen der Konzerne bekannt gewesen sein, ist Helmut Becker, ehemaliger Chefvolkswirt bei BMW, überzeugt. «Angesichts der Brisanz des Themas Dieselabgase muss man davon ausgehen, dass auch das Management davon Kenntnis hatte. Die Distanzierungen dürften eher in die Kategorie Schutz­behauptungen fallen.» Darüber hinaus verweist der Leiter des Instituts für Wirtschaftsanalysen und Kommunikation in München auf die deutsche NS-Vergangenheit. «Im Namen deutscher Konzerne heute noch Versuche an Menschen mit Abgasen durchzuführen, ist nicht nachvollziehbar.» Dies gelte nicht nur für Deutschland, sondern global, «nachdem die Nazis in Gaskammern und mit dem Euthanasieprogramm Menschen gezielt vernichtet haben». Nach Ansicht Beckers sind die Experimente «ethisch und moralisch mehr als fragwürdig».

Becker spricht aber auch von einer «gesellschaftlichen Verlogenheit». Der ehemalige BMW-Volkswirt verweist auf die kürzlich publik gewordenen Rekordverkaufszahlen bei VW: Der Konzern ist mit 10,74 Millionen verkauften Fahrzeugen 2016 zum zweiten Mal hintereinander der weltweit grösste Autobauer. «Die Gesellschaft ist scheinheilig. Man bewirft die Konzerne nach Dieselskandal, angeblichen Kartellabsprachen und nun wegen Tests an lebenden Probanden mit Steinen, kauft bei nächster Gelegenheit aber wieder einen VW.» Becker betont, dass auch andere Branchen – etwa die Schweizer Pharmaindustrie – auf Versuche an Tieren und Menschen zurückgreifen würden, die Öffentlichkeit nehme davon kaum Notiz. «Grundsätzlich ist es legitim, dass die Automobilbranche mit Tests beweisen will, dass ihre Antriebstechniken nicht gesundheitsgefährdend sind.» Indes: Die Tests haben einen lediglich pseudowissenschaftlichen Anstrich, da diese offenbar aus reinen PR-Zwecken mit manipulierten Diesel­motoren durchgeführt worden sind.

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