Deutschland
«Lifestyle-Linke»: Ex-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht geht mit eigener Partei hart ins Gericht

Gendersternchen, Regenbogen-Flaggen: Sahra Wagenknecht geisselt eine moralische Überheblichkeit ihrer Partei. Manch einem Genossen wird das einstige Aushängeschild mit ihrer Kritik allmählich lästig.

Christoph Reichmuth
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«Die rechten Parteien sind die neuen Arbeiterparteien», moniert Sahra Wagenknecht (auf dem Bild beim Linken-Parteitag 2018 in Leipzig)

«Die rechten Parteien sind die neuen Arbeiterparteien», moniert Sahra Wagenknecht (auf dem Bild beim Linken-Parteitag 2018 in Leipzig)

Britta Pedersen / DPA/Juni 2018

Noch vor ein paar Wochen träumte die Linkspartei in Deutschland von einer Regierungsbeteiligung. Die Umfragewerte lagen beständig bei rund zehn Prozent, ein links-grünes Bündnis unter Führung der starken Grünen schien den Umfragewerten nach möglich. Doch nun müssen die Linken darum kämpfen, es überhaupt in den Deutschen Bundestag zu schaffen. Sie kratzen an der Fünf-Prozent-Hürde.

Nicht einmal mehr im Osten Deutschlands ist die Partei, die 2007 aus Teilen des linken SPD-Flügels und der SED-Nachfolgepartei PDS entstand, eine Macht. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Anfang Juni holten die Linken sieben Prozent der Stimmen. Zum Vergleich: Zehn Jahre zuvor wurde die Partei mit knapp 24 Prozent die zweitstärkste Kraft im Landtag.

Es ist augenfällig: Die Partei verliert ihre Stammwählerschaft im Osten. Viele ehemalige DDR-Bürger, die die Linken aus ideologischen Gründen wählten, sterben. Und die Arbeiterklasse im Osten Deutschlands fühlt sich offenbar besser von der rechten «Alternative für Deutschland» (AfD) vertreten. Dass sich die Linken im Westen der Republik in wüsten, in der Öffentlichkeit ausgetragenen Grabenkämpfen verzetteln, verschärft die Lage der Partei.

Moralische Überheblichkeit

Wie nervös die Linken sind, zeigt sich nicht zuletzt in ihrer Haltung gegenüber ihrer einstigen Ikone Sahra Wagenknecht. Die 51-Jährige ist nur noch einfaches Mitglied im Bundestag, sitzt längst nicht mehr in den hohen Parteiämtern. Dennoch bleibt die Publizistin und Ökonomin in ihrer Partei tonangebend. Sie ist in den deutschen Medien sehr präsent und macht immer wieder mit Kritik an ihrer eigenen Partei auf sich aufmerksam.
So wie in ihrem jüngsten Buch «Die Selbstgerechten» (Campus-Verlag).

Darin prangert die ehemalige Fraktionschefin eine abgehobene, akademisch geprägte und in den Grossstädten lebende Schicht von «Lifestyle-Linken» an. Diese blicke laut Wagenknecht aus einer moralisch überheblichen Haltung auf all jene herab, die nicht mit dem linken Zeitgeist mitgehen wollten.

«Solange sich Teile der Partei an Diskussionen um Lebensstilfragen beteiligen, also an Debatten, die viele Menschen als belehrend empfinden, werden sich viele abwenden.»

Ihre Kritik erhielt erst gerade einen aktuellen Aufhänger, als das Hochhalten der Regenbogen-Farben aus Protest gegen Ungarns anti-Homosexuellen-Gesetz und als Symbol für Offenheit und Toleranz in Deutschland fast zur Pflicht erhoben worden ist. «Solange sich Teile der Partei an Diskussionen um Lebensstilfragen beteiligen, also an Debatten, die viele Menschen als belehrend empfinden, werden sich viele abwenden», sagte Wagenknecht kürzlich dem Berliner «Tagesspiegel». Traditionelle Linkswähler würden mit Debatten über Gendersternchen, Biolebensmittel, Regenbogen-Flaggen oder CO2-Bepreisung verprellt werden.

Wagenknecht wirft den linken Parteien in Deutschland - also auch der SPD und den Grünen - vor, dass sie soziale Fragen aus dem Blick verloren haben. Um Menschen in prekären Lebensverhältnissen, wie zum Beispiel in schlecht bezahlten Jobs oder mit geringer Rente, würden sich die Linksparteien nicht mehr ausreichend kümmern, moniert die promovierte Volkswirtschaftlerin. Stattdessen würden Menschen, die nicht mit dem linken Zeitgeist mitgehen wollten oder könnten, oftmals aus einer moralisch überheblichen Haltung heraus als «Abgehängte» abgestempelt. Wagenknecht zieht für ihre Partei ein verheerendes Fazit: «Die rechten Parteien sind die neuen Arbeiterparteien». Die Stärke der Rechtspartei AfD sei nicht zuletzt durch den linken Moralismus zu erklären.

Seit Jahren parteiintern in der Kritik

Die Kritik an ihrer eigenen Partei blieb für Wagenknecht nicht folgenlos. Mehrere Mitglieder der Linken hatten ein Parteiausschlussverfahren gegen ihre ehemalige Fraktionschefin beantragt. Rückendeckung bekam Wagenknecht von der Parteiführung. Sowohl der Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Dietmar Bartsch, als auch die Linkspartei-Chefin Susanne Hennig-Wellsow stellten sich vor Wagenknecht - und ihren Ehemann. Denn auch für Oskar Lafontaine, der seit 2014 mit Wagenknecht verheiratet ist, gibt es einen Antrag auf Parteiausschluss. Der saarländische Linken-Politiker und frühere SPD-Vorsitzende hatte ebenfalls Kritik an dem Zustand der Linken geübt.

Wagenknecht sorgt in ihrer Partei immer wieder für Aufregung. Bereits auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 wurde sie von ihren Parteikollegen gerügt, nachdem sie vor einer unkontrollierten Zuwanderung für die deutsche Gesellschaft gewarnt hatte.

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