«Deutschland könnte einen eigenen Snowden brauchen»

WASHINGTON. Edward Snowden nennt ihn ein Vorbild. Die US-Regierung wollte ihn 35 Jahre ins Gefängnis stecken. Nun wird NSA-Aussteiger Thomas A. Drake (57) im Deutschen Bundestag aussagen.

Thomas Spang
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WASHINGTON. Edward Snowden nennt ihn ein Vorbild. Die US-Regierung wollte ihn 35 Jahre ins Gefängnis stecken. Nun wird NSA-Aussteiger Thomas A. Drake (57) im Deutschen Bundestag aussagen.

Erst einen gewaltigen Heuhaufen schaffen, um darin anschliessend eine Stecknadel zu suchen – ungefähr so beschreibt der Geheimdienst-Experte, wie die «National Security Agency» mit etwa 45 000 Mitarbeitern und einem auf zehn Milliarden Dollar geschätzten Etat arbeitet. Drake sieht darin eine enorme Verschwendung von Steuergeldern. Die NSA habe «nicht einen einzigen Terrorplan aufgedeckt».

Drake weiss, wovon er spricht. Der 11. September 2001 war sein erster Tag als leitender Software-Entwickler der NSA-Zentrale von Fort Meade. Dort gehörte er zum auserlesenen Kreis, der Zugang zu den Top-Geheimnissen der USA hatte. Mit seiner Expertise sagte er vor dem 9-11-Untersuchungsausschuss über die Versäumnisse der NSA aus.

Zu teuer und verfassungswidrig

Damit machte sich Drake beim damaligen NSA-Chef Michael Hayden alles andere als beliebt. Denn der war es, der den Grundstein für das legte, was Kritiker als obsessive und schier unbegrenzte Sammelwut beschreiben. Drake gehörte zu einer Minderheit im NSA-Management, die erhebliche Bedenken anmeldete. Das alles sei zu teuer und verletze teilweise die Verfassung, ohne die Amerikaner sicherer zu machen. Als Alternative unterstütze er ein schlankeres Programm, das sein Kollege William Binney ersonnen habe. Es hätte die Behörde Millionen statt Milliarden gekostet.

Doch die NSA-Führung vergab lukrative Verträge an Rüstungsunternehmen, die «regelmässig die Privatsphäre unschuldiger Bürger verletzten», sagt Drake. Der Mann, der als Soldat, Verschlüsselungs-Analyst, Pentagon-Experte, CIA-Mitarbeiter und NSA-Manager für die Sicherheit seiner Landsleute gearbeitet hatte, sah, wie die Regierung plötzlich die eigene Bevölkerung ins Visier nahm.

Job und Pension verloren

Desillusioniert nahm Drake 2006 anonym Kontakt zu einer Reporterin auf. Gestützt auf seine Informationen schrieb diese eine Reihe investigativer Artikel. Die Regierung kam dem Staatsdiener auf die Schliche. Drake verlor seinen hochdotierten Job und seine Pension.

Vergangenen Oktober besuchte er Edward Snowden in Moskau, sagte im EU-Parlament aus und wird nun auch im Bundestag Rede und Antwort stehen. Die Deutschen könnten einen «eigenen Snowden» gebrauchen, der mal über die Zusammenarbeit des Bundesnachrichtendienstes und der NSA auspackt, sagte Drake in einem Interview mit der «Berliner Zeitung».

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