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DEUTSCHLAND: Eine verhängnisvolle Affäre

Beinahe wäre die Flucht geglückt, kurz vor dem Ziel wurden sie jedoch von der Stasi entdeckt. Carl-Wolfgang Holzapfel erinnert sich an das mutige Projekt, einen Tunnel nach Ostberlin zu graben. Nun wurde das Bauwerk zufälligerweise wiederentdeckt.
Christoph Reichmuth, Berlin
Der 73-jährige Carl-Wolfgang Holzapfel nahe der damaligen Tunnelbaustelle (oben), als junger Mann mit Megafon bei einer Protestaktion nahe der Berliner Mauer zirka 1965 (unten links) und eine Aufnahme der damaligen Tunnelbauer. (Bilder: Gregor Zielke)

Der 73-jährige Carl-Wolfgang Holzapfel nahe der damaligen Tunnelbaustelle (oben), als junger Mann mit Megafon bei einer Protestaktion nahe der Berliner Mauer zirka 1965 (unten links) und eine Aufnahme der damaligen Tunnelbauer. (Bilder: Gregor Zielke)

Christoph Reichmuth, Berlin

Es ist schrecklich heiss hier unten, in viereinhalb Metern Tiefe. Carl-Wolfgang Holzapfel, 19 Jahre jung, bohrt seinen Spaten in den feuchten Lehmboden, gräbt sich zeitweise mit den blossen Händen in den zähen Boden hinein. Eineinhalb Meter pro Tag in neun Stunden harter Arbeit. Diese tägliche Enge hier unten, einen Meter breit, einen Meter zwanzig hoch. Unmittelbar darüber befindet sich, etwa auf halber Strecke, die Kanalisation von Ostberlin, Holzapfel und seine drei Kollegen reden den ganzen Tag kaum ein Wort miteinander. «Wir hatten Angst, dass man uns drüben im Osten durch die Kanalisation hindurch hören könnte», erinnert sich Carl-Wolfgang Holzapfel, heute 73, als wir ihn diese Woche an der Einstiegsstelle des von ihm gegrabenen Fluchttunnels beim Berliner Mauerpark treffen. «Ich kann Ihnen bis heute nicht sagen, wie wir das damals geschafft haben.»

Den nahezu 80 Meter langen Tunnel von West- nach Ostberlin gruben Holzapfel und drei Kollegen zwischen März und Juni 1963. Vor wenigen Tagen haben Bauarbeiter an der Grenze zwischen den Stadtteilen Prenzlauer Berg und Wedding den längst vergessenen Fluchttunnel zufälligerweise freigelegt. In Fachkreisen gilt der Fund als Sensation. Zum Vorschein gekommen ist der Einstieg des Tunnels, sind Grundmauern eines Gebäudes auf dem ehemaligen Güterbahnhof, Überreste eines mehr als 20 Tonnen schweren Betonblocks mit massiven Stahlträgern, Panzersperren der DDR-Grenztruppen. «Der gute Zustand der freigelegten Überreste ist für die Innenstadt einzigartig», sagt der Berliner Archäologe Torsten Dressler. Der 50-Jährige will die tragische Geschichte des Tunnelbaus rekonstruieren, nach Ende der Bauarbeiten sollen die Ausgrabungen in die Mauer-Ausstellung integriert werden.

21 Fluchtwillige flogen auf

Carl-Wolfgang Holzapfel ist in Westberlin Anfang der 1960er-Jahre ein bunter Hund, kurz nach dem Bau der Berliner Mauer im Sommer 1961 tritt er in tagelange Hungerstreiks, gedenkt der ersten Maueropfer mit Holzkreuzen, die er in Sichtweite der DDR-Grenzposten aufstellt. Per Megafon ruft er beim Mauerstreifen zur Wiedervereinigung auf, zum Abbau der Mauer, zur Niederlegung der Waffen an der Grenze. Der damals regierende Berliner Bürgermeister Willy Brandt unterstützt den unerschrockenen jungen Westberliner, der Publizist Rainer Hildebrandt wird 1962 auf den umtriebigen Holzapfel aufmerksam, macht ihn zum Leiter seiner Ausstellung in der Bernauer Strasse, die sich mit den ersten Toten der Berliner Mauer auseinandersetzt.

Dort trifft Holzapfel auf einen jungen Mann, der sich ihm als Gerhard Weinstein vorstellt. Weinstein erzählt von seinem persönlichen Drama, seine zweijährige Tochter Liane ist in Ostberlin, er hat sie seit dem Bau der Mauer vor fast zwei Jahren nicht sehen dürfen. Weinstein weiht Holzapfel in seine Pläne ein, am Mauerstreifen bei der Eberswalder-/Oderbergerstrasse einen Tunnel zu graben. Die Stelle beim alten Güterbahnhof ist besonders geeignet für ein solch waghalsiges Projekt. Keinen Meter hinter der Mauer befindet sich auf westlicher Seite ein alter Geräteschuppen, dieser bietet Schutz vor den Blicken der Grenzwächter. Bis zu einem Gebäude auf der Ostseite sind es nur rund achtzig Meter. Weinstein erzählt, man wolle sich bis zum Keller dieses Hauses durchgraben, die Mauer durchbrechen und fast 20 Leute, darunter die kleine Tochter und deren Grosseltern, in den Westen holen. «Ich zögerte keine Sekunde, gab die Arbeit in der Ausstellung auf und schloss mich dem Projekt an», erinnert sich Holzapfel. Wenige Tage nach dem Gespräch, im März 1963, geht es los. Die vier jungen Männer schaffen Schaufeln und Feldbetten mitten in der Nacht herbei, verstecken die Utensilien im Schuppen, graben sich in aller Stille viereinhalb Meter in die Tiefe. Nahe dem Tunnel­einstieg erstellen sie ein Feldbettenlager und installieren mit Notkochern eine kleine Küche. «Wir sind, damit die Grenzwächter keinen Verdacht schöpfen konnten, immer am späten Sonntagabend in den Tunnel gestiegen und haben diesen erst in der Nacht von Freitag auf Samstag wieder verlassen.» Überirdisch haben sie Unterstützer, die sie mit wichtigen Informationen versorgen.

Projekte für einen Fluchttunnel gab es in den ersten Jahren nach dem Mauerbau etliche, erzählt Archäologe Dressler. In Berlin wurden etwa 75 solcher Tunnels gegraben, allerdings waren lediglich 25 Tunnelprojekte erfolgreich. «Zwischen 350 und 450 Menschen sind über Tunnelsysteme von Ost nach West geflüchtet», erzählt Dressler. Weit über 500 Fluchtwillige sind bei ihrem Versuch allerdings gescheitert, die meisten wanderten für Jahre in Stasi-Gefangenschaft, etwa fünf Menschen fanden in den selbst gebauten Tunnelsystemen den Tod. Mitte der 1960er-Jahre entspannte sich das Verhältnis zwischen Ost und West marginal, durch kleinere Lockerungen war es ausgewählten Ostberlinern möglich, Verwandtschaft im Westen zu besuchen. Die Fluchttunnels wurden daher zunehmend vom Westberliner Senat unterbunden. «Der Westen wollte kleine Fortschritte nicht gefährden», sagt Dressler.

Pläne im Bett ausgeplaudert

Gescheitert ist auch das Fluchtprojekt, an dem Carl-Wolfgang Holzapfel vier Monate hart geschuftet hatte. Direkt vor dem Durchbruch zum Haus an der Eberswalderstrasse 1. Aufgeflogen sind die mutigen Fluchthelfer durch einen Umstand, der ärgerlicher kaum sein könnte. Einer der vier Tunnelbauer agierte gleichzeitig als Kurier im Osten, wo er das gegenüberliegende Gebäude auskundschaften und die Fluchtwilligen über den Stand der Arbeiten informieren sollte. Der junge Mann namens Hans vergnügte sich bei seinen Ost-Besuchen allerdings auch mit einer verheirateten Ostberlinerin. «Die beiden hatten eine leidenschaftliche Affäre», erzählt Holzapfel heute. «Leider hat Hans gegenüber seiner Freundin die ganzen Tunnelpläne ausgeplaudert. Das war insofern dumm, weil die Frau sich gegenüber einem DDR-Grenzwächter offenbarte.» Hans und die Tunnelbauer flogen auf, der Kurier wurde bei seinem nächsten Boten-gang nach Ostberlin von der Staats­sicherheit verhaftet.

Holzapfel und die verbliebenen Kollegen konnten sich dem Zugriff der Stasi im letzten Moment durch die sofortige Einstellung der Arbeiten entziehen. Ein Westberliner Polizist berichtete, dass vor dem Gebäude auf der Ostseite die DDR-Post ein Zelt aufbaue. «Das machte ihn stutzig. Als er die Sache genauer unter die Lupe nahm, erkannte der Polizist, dass die angeblichen Postboten unter ihren grauen Kitteln schwere Militärstiefel trugen. Die Aktion wurde sofort abgebrochen.» 21 Menschen wanderten für bis zu drei Jahre in Stasi-Haft – wie Hans, der redselige Bote –, und Weinsteins Tochter wurde in ein Kinderheim gesteckt. Er sollte seine Tochter Liane viele Jahre nicht sehen, insgesamt waren sie durch die Mauer elf Jahre lang getrennt.

Acht Jahre Zuchthaus

Holzapfel hat die Mauer bis zum Ende der DDR bekämpft, am 18. Oktober 1965 wurde er am Checkpoint Charlie durch Grenzposten der DDR verhaftet und für seine Mithilfe beim Fluchttunnel wegen «versuchter Beihilfe zur Republikflucht» zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach über einem Jahr in Haft, davon neun Monate in einer Isolationszelle im zentralen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, wurde Holzapfel vom Westen freigekauft. Der Politaktivist und spätere Bankkaufmann liess sich durch die Haft nicht beeindrucken und machte mit weiteren Aktionen an der Grenzmauer auf «das Unrecht», wie er sagt, aufmerksam. Zuletzt kurz vor dem Fall der Mauer, als er sich am 13. August 1989 flach auf den Grenzstreifen in Berlin legte, Rumpf und Kopf im Osten, von der Hüfte abwärts im Westen. Heute lebt er mit seiner aus Ostberlin stammenden Lebensgefährtin Tatjana Sterneberg, die ebenfalls Jahre in Stasi-Haft verbracht hatte, in Berlin. «Wir sind die gelebte Wiedervereinigung», sagt er mit einem Lachen. Auf den unvorsichtigen Botengänger Hans, dessen Techtelmechtel in Ostberlin den Fluchttunnel zum Scheitern gebracht hatte, ist Holzapfel heute nicht mehr böse. «Wir waren junge Leute und hatten Flausen im Kopf. Dass er mit einer Frau im Bett gelandet ist und mit dem Tunnelbau geprahlt hat», sagt er und schliesst, «nun ja, es ist passiert.»

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