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DEUTSCHLAND: «Der Islam hat kein Gewaltproblem»

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, fordert mehr Toleranz im Umgang mit Muslimen. Und er sagt, weshalb kurz vor den Wahlen die Terrorgefahr in Deutschland steigt.
Christoph Reichmuth, Berlin
Aiman Mazyek ist seit 2010 Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. (Bild: PATRICK SINKEL (AP dapd))

Aiman Mazyek ist seit 2010 Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. (Bild: PATRICK SINKEL (AP dapd))

Interview: Christoph Reichmuth, Berlin

Aiman Mazyek, im Wahlkampf nehmen die Parteien das Thema Islam auf. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) wirbt für eine Leitkultur. Darin heisst es: «Wir sind nicht Burka.» Was halten Sie davon?

Mit dem Begriff Leitkultur habe ich keine Berührungsängste, aber der Diskurs darf nicht ausgrenzen, denn dann verfehlt er ja sein wichtigstes Ziel, die Integration. «Wir sind nicht Burka» verorte ich aber eher in die Rubrik Wahlkampf, um Aufmerksamkeit zu generieren. Vieles, was der Minister aber sonst zu dem Thema sagte, finde ich okay.

Stört es Sie, dass mit Ihrer Religion Wahlkampf betrieben wird?

Das geschieht leider ständig. Aber es ist ein Trend, den wir nicht erst jetzt spüren, sondern schon seit Jahren. Soziale Konflikte werden von einigen islamisiert, unser Glaube oft politisiert. Die Folge: eine übertriebene Islam-Diskussion, die auf dem Rücken der Muslime ausgetragen wird. Der Streit, ob Burka erlaubt sein soll oder nicht, ist so ein Thema.

Eine Gesellschaft darf doch ver­langen, dass man Gesicht zeigt.

Wir haben keine Burka-Trägerinnen in Deutschland, nicht eine einzige. Nikab-Trägerinnen haben wir, wenn es hoch kommt, 100 im ganzen Land. Ein Grossteil der Nikab-Trägerinnen, die man in der Öffentlichkeit sieht, sind zahlungskräftige Touristinnen aus dem arabischen Raum, sie leben also nicht mal in unserem Land. Deshalb ist das eine reine Symbolpolitik.

Umso leichter könnte Ihnen fallen, wenn man die Burka ganz einfach verbietet.

Ja, es ist kein muslimisches Gebot und passt auch nicht in unsere Zeit. Aber wenn Frauenkörper Zielscheibe von gesetzlichen Verordnungen werden, stimmt etwas nicht. Ein Burka-Verbot geht zudem an der Sache vorbei.

Was meinen Sie damit?

Wir müssen auch die Frage beantworten, wie wir Diskriminierung vermeiden können, zum Beispiel gegen muslimische Frauen, die hier studiert haben und gut ausgebildet sind, hierzulande aber immer mehr abgewiesen werden. Ein Burka-Verbot leistet dazu nichts. Wenn eine Muslimin Rechtsanwältin wird, bei der Arbeit aber ein Kopftuch tragen möchte, dann müssen wir doch nicht über das Kopftuch reden, sondern uns vielmehr freuen, dass diese Muslimin in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen ist. Aber die gegenwärtigen Diskriminierungen führen faktisch zu einem Berufsverbot für die muslimische Frau. Wir dulden eine Frau mit Kopftuch bei der Arbeit, wenn sie sich als Reinigungskraft be­tätigt. Sobald sie aber verantwortungsvollere Posten bekleidet, wollen wir das Kopftuch nicht mehr tolerieren. Das finde ich peinlich und beschämend. Wir müssen lernen, dass in unserer säkularen demokratischen Gesellschaft Religiöse und Nichtreligiöse zusammenleben. Das bedeutet, dass man immer wieder Zumutbarkeiten aushalten muss.

Zumutbarkeiten?

Uns muss es ja nicht passen, wenn jüdische oder muslimische Kinder in der Schule kein Schweinefleisch essen wollen. Aber es geht uns auch keinen Zacken ab, wenn sie koscheres Essen oder halal bevorzugen. Dann organisieren wir solche Mahlzeiten in den Schulkantinen. Und wenn eine Muslimin Kopftuch oder ein Christ ein grosses Kreuz tragen möchte, dann kann dies auch eine Frau, die zeitlebens für Emanzipation gekämpft hat, tolerieren – sie muss das Tragen des Kopftuches ja nicht goutieren, aber sie soll der Muslimin nicht vorschreiben, wie sie zu leben und was sie anzukleiden hat, denn das wäre doch Verrat an der Emanzipation. Wir reden dauernd von Freiheit und Individualität, gleichzeitig aber propagieren wir oft einen gesellschaftlichen Einheitsbrei. Mir fehlt die Gelassenheit.

Immer wieder zu Debatten führt die Frage des Umgangs zwischen den Geschlechtern. Jüngst hat ein mus­limischer Polizist aus religiösen Gründen verweigert, einer deutschen Amtskollegin die Hand zu schütteln. Muss die Gesellschaft hier Toleranz zeigen, oder muss sich der muslimische Polizist den Gepflogenheiten hierzulande anpassen?

Hier geht es weder um Toleranz noch um Anpassung. Ich finde es okay und richtig, wenn man sich die Hand gibt zum Gruss. Ich mache aber kein persönliches Drama daraus, wenn dies einer aus welchen Gründen auch immer – seien es religiöse, kulturelle oder auch gesundheitliche Gründe – nicht tut. Leben und leben lassen, das sollten wir alle mehr beherzigen.

Vor allem die Alternative für Deutschland (AfD) betreibt Wahlkampf mit dem Islam. Sie will Minarette verbieten und sagt, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört.

Die AfD ist kein spezifisch deutsches Phänomen, überall in Europa machen Rechtspopulisten Stimmung gegen Muslime. Es wird dann gefährlich, wenn diese Stimmungsmache von etablierten Parteien aufgegriffen und deren Themen dadurch quasi legitimiert werden – wie teilweise auch in Deutschland geschehen. Am Ende votieren die Menschen für das Original, in diesem Falle für die AfD. Zum Minarettverbot: Die Schweiz hat Minarette verboten. Dadurch hat sich das Land mit der Projektion der Islamangst eigener Freiheitsrechte beraubt.

Inwiefern?

Den grössten Schaden hat die Schweiz selbst. Muslime können ihre Moscheen auch ohne Minarette bauen. Aber darum geht es nicht. Durch das Minarettverbot wurde vor allen Dingen die Religionsfreiheit beschnitten. Wo endet das? Werden morgen die Kuppeln von Moscheen verboten? Der Lackmustest für jede Gesellschaft ist: Wie geht sie mit Rechten von Minderheiten um?

Warum lässt sich mit dem Islam so gut Stimmung machen? Oder anders gefragt: Warum haben so viele Menschen Angst vor dieser Religion?

Im Diskurs um den Islam fehlt seit Jahren, spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001, die Trennschärfe zwischen Extremismus und Religion. Da wird nach einem religiös-extremistisch motivierten Vorfall ein Generalverdacht gegen Muslime ausgesprochen. Wir erleben eine zunehmende Islamfeindlichkeit in den europäischen Gesellschaften. Das ist kein Gefühl, das ist Tatsache und ist faktisch zu belegen. Um zur AfD zurückzukommen: Diese Partei hat diese längst vorhandenen Ressentiments nur am geschicktesten von allen aufgegriffen. Die Negativität ist im Kontext Islam so heftig geworden, dass alles zur Streitfrage wird. Das Zusammenleben und besonders unsere Jugend leiden darunter.

Müssen sich die Muslime mehr zur Wehr setzen gegen solche, die im Namen ihrer Religion töten? Vor wenigen Wochen wurde ein Friedensmarsch von Muslimen in Köln angesetzt, um ein Zeichen gegen islamistisch motivierten Terror zu setzen. Es kamen nicht wie angekündigt Zehntausende, sondern nur einige hundert. Warum distanzieren sich die Muslime nicht stärker von religiös motivierter Gewalt?

Wir spüren diesen Druck, er ist unverkennbar. Aber Distanzierung würde bedeuten, dass es vorher eine Nähe gegeben hat, was ja bekanntlich nicht der Fall ist, also geht es um Verurteilung. Wir wollen unsere Anstrengungen im Kampf gegen den islamischen Extremismus, ja jede Form des Extremismus, erhöhen. Dazu gehören Prävention, Aufklärung in Moscheen, damit wir vor Rattenfängern warnen können. Es gehört auch dazu, bei solchen Kundgebungen teilzunehmen.

Warum zeigen sich so wenige Muslime an solchen Demonstrationen?

Viele Muslime sind müde von der Diskussion, weil sie durch ihren Beruf, durch ihre Tätigkeit und ihre Engagements in der Freizeit schon tägliche Statements für die Gesellschaft abgeben. Und ­trotzdem geraten sie immer wieder unter Generalverdacht. Wir können diesem Generalverdacht nicht begegnen, in­dem wir uns ins Schneckenhaus verkriechen. Wir müssen uns, auch wenn es uns schwerfällt, immer wieder öffentlich zu unserer offenen Gesellschaft bekennen und Anschläge im Namen unserer Religion verurteilen. Es ist ein müh­seliger Prozess, aber er ist der Zeit geschuldet, wir brauchen aber vor allen Dingen: Begegnung und nochmals Begegnung.

Letzte Woche wurden in Barcelona wieder Menschen vorgeblich im Namen des Islam getötet. Inwiefern hat diese Gewalt mit Ihrer Religion zu tun? Warum interpretieren einige den Koran als Anleitung zu Gewalt? Braucht der Islam Reformen?

Ich finde es falsch, die Religion verantwortlich zu machen für Extremismus, verantwortlich sind die Menschen. Terroranschläge wie in Paris, Barcelona, London oder Berlin werden von einer absoluten Minderheit von Muslimen gebilligt. Andere Faktoren und Gründe der Entstehung von Terror, wie etwa eine verfehlte westliche Kriegspolitik, aber auch soziale und ökonomische Faktoren werden einfach ausgeblendet. Das ist unverantwortlich. Wer so eindimensional argumentiert, tritt als Steigbügelhalter des IS auf. Der IS will eine Stimmung erzeugen, um die Spaltung von Muslimen und Nichtmuslimen zu forcieren. Rechtsextreme und Nazis nehmen dies zum Anlass, um Stimmung gegen alle Muslime zu erzeugen. Nicht der Islam muss reformiert werden, sondern das Denken einiger Muslime. Nicht der Islam hat ein Gewaltproblem, sondern Vereinzelte, die den Islam für ihre Macht instrumentalisieren und missbrauchen. Diese unerträgliche Pervertierung ist das glatte Gegenteil der islamischen Normen und Werte.

Der sogenannte Islamische Staat (IS) ist in seinen letzten Zügen, die radikale Ideologie aber ist damit nicht ausgelöscht. Was heisst das für die Terrorismusgefahr in Europa?

IS-Kämpfer werden noch stärker im Untergrund terroristisch agieren. Die Anschläge in Europa – Brüssel, Paris, London, Berlin oder Barcelona – haben auch etwas damit zu tun, dass der IS in Syrien und im Irak geschwächt ist. Der IS verliert das Territorium, die Konsequenz daraus wird sein, dass verblendete Kämpfer Racheakte planen – auch bei uns in Europa.

Glauben Sie, der IS wird versuchen, in Deutschland kurz vor den Wahlen einen Terroranschlag durchzuführen, um ein politisches Erdbeben zu verursachen?

Ich befürchte das in der Tat. Das Perfide ist, dass die AfD bereits Grossplakate und eine ausgeklügelte Marketingstrategie in der Schublade hat, um im Falle eines Anschlags aus der Angst der Bürger politisches Kapital zu schlagen. Der IS versuchte auch durch Anschläge hierzulande die Politik zu beeinflussen. Strategen beim IS wissen genau, dass Populisten und Rechte gestärkt werden können durch blutige Anschläge.

Zur Person

Aiman Mazyek (48) – Sohn eines Syrers und einer Deutschen – ist seit 2010 Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Er ist in Aachen geboren und hat Philosophie, Volkswirtschaft, Politikwissenschaften und später in Kairo Arabistik studiert. Sein jüngstes Buch «Was machen Muslime an Weihnachten?» ist im Bertelsmann-Verlag erschienen.

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