DEUTSCHLAND: "Auserwählt und ausgegrenzt - der Hass auf Juden in Europa"

Wenige haben die Dokumentation gesehen, die ARD und Arte heute zeigen. Doch schon jetzt scheint sie das Land zu spalten. Die Debatte um den Film ist auch ein Symptom für den Zustand der Geschichtsaufarbeitung in Deutschland.

Isabelle Daniel
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Juden in Deutschland erleben immer wieder Antisemitismus. (Bild: KEY)

Juden in Deutschland erleben immer wieder Antisemitismus. (Bild: KEY)

Isabelle Daniel

Am Ende ist der WDR eingeknickt. Zuerst wies der deutsch-französische Sender Arte die Ausstrahlung einer Dokumentation über Antisemitismus wegen handwerklicher Mängel zurück. Am Freitag stellte dann die «Bild»-Zeitung im Angesicht des scheinbar enormen öffentlichen Interesses die Doku für einen Tag online. TV-Kritiker, Wissenschaftler und Twitter-User schrieben sich die Finger mit Pro- und Kontra-Argumenten zu einer Ausstrahlung die Finger wund. Schliesslich entschied die ARD: Die Dokumentation «Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa» soll nun doch gezeigt werden. Heute um 22:15 Uhr wird der Film von Joachim Schroeder und Sophie Hafner in der ARD ausgestrahlt. Auch Arte gab gestern bekannt, dass der Film auch dort laufen wird.

«Es ist Zeit für eine Doku über Antisemitismus-Dokus», kommentierte der Satiriker Shahak Shapira das sprichwörtliche Theater um die Doku. Sein Scherz gehört zu den klügeren Beiträgen in einer von Polemik geprägten Debatte, in der es zwei dominante Erzählweisen gibt. Da ist einerseits der von «Bild»-Chef Julian Reichelt und dem Historiker Götz Aly suggerierte Verdacht, Arte habe die Dokumentation «zensiert». Auf der Gegenseite stehen Äusserungen wie die des «Spiegel»-Verlegers Jakob Augstein, der von einem «obsessiven Anti-Antisemitismus» in Deutschland sprach. Letzteres ist natürlich absurd. Das zeigen immerwiederkehrende revisionsgeschichtspolitische Debatten in Deutschland.

Allein: Im Unrecht sind auch die vehementen Verteidiger der Antisemitismus-Doku, die in Wirklichkeit eine plakative Erklärung für den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern liefern will. Journalistisch fällt die Doku durch.

Was die «Nakba», wie die Geschichte von Flucht, Vertreibung und Umsiedlung der Palästinenser auf Arabisch heisst, war, erklärt ein israelischer Veteran. Dass er als Zeitzeuge zu Wort kommt, ist richtig; die Autoren behandeln ihn jedoch wie einen Experten. So wird auch mit dem Polemiker Tuvia Tenenbom verfahren. Seine Behauptung, wonach ein Mitglied der besatzungskritischen israelischen Organisation «B’Tselem» ihm gegenüber den Holocaust geleugnet habe, darf im Raum stehen bleiben, ohne dass die Autoren erkennbar nachrecherchiert hätten.

Das sind manipulative Methoden, mit denen sich die Autoren selbst schaden, weil sie beim Zuschauer Zweifel säen. Eine der Stärken der Doku, nämlich Stimmen von Palästinensern im Gazastreifen abzubilden, die von der islamistischen Hamas unterdrückt werden, wird dadurch torpediert, dass in der Darstellung der Autoren niemand – weder Palästinenser noch Israelis – unter dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu leiden scheint.

Jede Kritik an der israelischen Besatzung wird dadurch ins Lächerliche gezogen. Dass neben umstrittenen NGO auch renommierte Wissenschaftler wie Tom Segev die israelische Politik im Westjordanland kritisieren, ignoriert der Film. Es hätte auch nicht zum Narrativ gepasst: Erscheint doch jeder, der die israelische Besatzung angreift, als antisemitisch verblendet.

Wilder Streifzug durch Geschichte und Gegenwart

Vereinfachend geht der Film auch mit seinem eigentlichen Thema um, dem «Hass auf Juden in Europa». Um die Verschwörungstheorien zu erklären, die dem Antisemitismus zugrunde liegen, unternehmen die Autoren einen wilden Streifzug durch Geschichte und Gegenwart, der von einer Rede Mahmud Abbas’ im Europaparlament über die Verteidigungsrede des «Stürmer»-Herausgebers Julius Streicher in Nürnberg hin zu Aktivisten der evangelischen Organisation «Brot für die Welt» führt. All das hinterlässt Schwindelgefühle. Kontinuitäten und Brüche in der Geschichte des Antisemitismus werden nicht erklärt.

Das ist bedauerlich, denn der Film nimmt sich eines wichtigen Themas an: jener Ausprägung der Judenfeindschaft in Deutschland, die Forscher als sekundären Antisemitismus bezeichnen und die der israelische Autor Zvi Rix einst treffend in dem Satz zusammenfasste: «Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.» Wie Schuldabwehr und eine notorische Israelkritik zusammenhängen, zeigt die Doku, indem sie die obsessive Fokussierung auf den israelisch-palästinensischen Konflikt in Deutschland kritisch durchleuchtet und verstörende Äusserungen etwa von Aktivisten der Israel-Boykott-Bewegung BDS wiedergibt, die auf alte antijüdische Motive wie der Brunnenvergiftung zurückgreifen.

Trotz aller berechtigten Einwände von Arte ist es deshalb richtig, den Film zu zeigen. Dies auch auf die Gefahr hin, dass die manipulativen Methoden, derer sich der Film stellenweise bedient, beim Zuschauer Zweifel an der Gesamtdarstellung wecken – und somit auch an seinem journalistisch und analytisch starken Teil.

Hinweis

«Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa», heute, Arte 23 Uhr; ARD, 22:15 Uhr.