DEUTSCHLAND: «Anschlagpläne waren bekannt»

Die Polizei wusste offenbar Bescheid über die Terrorabsichten des nun per Haftbefehl gesuchten Anis Amri. Dieser hätte sich gar nicht mehr im Schengen-Raum aufhalten dürfen.

Christoph Reichmuth/Berlin
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Eine Reaktion auf das Attentat: Auch der Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor in Berlin ist jetzt mit Betonsperren gesichert worden. (Bild: Maurizio Gambarini/EPA (Berlin, 22. Dezember 2016))

Eine Reaktion auf das Attentat: Auch der Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor in Berlin ist jetzt mit Betonsperren gesichert worden. (Bild: Maurizio Gambarini/EPA (Berlin, 22. Dezember 2016))

Christoph Reichmuth/Berlin

Einen Tag vor Heiligabend kehrt in Berlin allmählich wieder Normalität ein. Der Weihnachtsmarkt beim Breitscheidplatz in Charlottenburg, wo es am Montagabend zu dem verheerenden Anschlag mit zwölf Toten gekommen war, ist seit gestern wieder geöffnet, freilich schlendern weniger Menschen als sonst über das Gelände.

Von Anis Amri fehlt indes noch immer jede Spur. Dass er die schreckliche Tat am Montag begangen hat, steht inzwischen ausser Zweifel. Die Bundes­anwaltschaft bestätigte gestern, dass sich an der Türe des LKW und auch im Lastwageninneren Fingerabdrücke Amris feststel­-len liessen. Er wird europaweit ­gesucht, gegen ihn wurde Haftbefehl erlassen.

Vorstrafen in Tunesien und Italien

Derweil kommen immer mehr Details über den Tunesier ans Licht. Anis Amri, der gestern ­gemäss Angaben in seinem Pass 24 Jahre alt wurde, soll demnach bereits in Tunesien und in Italien straffällig geworden sein. 2010 soll Amri sein Heimatland verlassen haben, in Abwesenheit wurde er wegen Raubes zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Auch in Italien, wo der junge Mann 2011 als Bootsflüchtling auf der Insel Lampedusa angekommen war, fiel Amri allem Anschein nach wegen seines hohen Gewaltpotenzials auf. Wegen Eigentumsdelikten, Drohungen und Körperverletzungen wurde er dort zu vier Jahren Haft verurteilt. Nach Verbüssung der Strafe reiste Amri im Sommer 2015 illegal nach Deutschland weiter, wo er aber erst im April dieses Jahres einen später abgelehnten Asylantrag gestellt hatte.

Warum die deutschen Behörden bei der Überprüfung des Antragstellers nicht erkannt hatten, dass Amri in Italien eine Gefängnisstrafe verbüsst und keine Bleibeberechtigung für den Schengen-Raum mehr besessen hatte, ist derzeit noch unklar. Die Fingerabdrücke des Tunesiers wurden von den italienischen Behörden registriert.

«Hätte nicht aus Fokus verschwinden dürfen»

Amri erhielt trotz des abgelehnten Asylantrages eine Duldung, da er aufgrund fehlender Reisepapiere nicht in sein Heimatland abgeschoben werden konnte. Schon bald geriet der Mann ins Visier der Behörden, nachdem er sich in radikalislamistische Kreise begeben hatte.

Seine Kontakte zu radikalen Kreisen rund um den irakischstämmigen Prediger Abu Walaa waren nach Erkenntnissen des Terrorismusexperten Georg Heil weit enger als bislang bekannt. «Er hat mit Leuten, die zum Netzwerk Abu Walaas gehören, über sein Vorhaben gesprochen, einen Anschlag zu begehen oder nach Syrien auszureisen.» Heil betont gegenüber unserer Zeitung, dass die Sicherheitsbehörden darüber informiert gewesen waren. «Aus welchen Gründen auch immer hat es nicht zur Verhaftung gereicht, obwohl seine Anschlagspläne bekannt waren und sich Anis Amri auch nach Waffen erkundigt hatte.» Warum die Behörden den hochgefähr­lichen Mann aus den Augen verlieren konnten, ist bislang nicht restlos geklärt. Da Amri zwischen Berlin und dem Bundesland Nordrhein-Westfalen hin- und herreiste, fühlten sich offenbar weder die Berliner noch die nordrhein-westfälischen Sicherheits­behörden durchgehend für den Mann verantwortlich. Georg Heil folgert: «Dieser Mann hätte auf gar keinen Fall aus dem Fokus der deutschen Behörden verschwinden dürfen.»

Laut dem Terrorismusexperten gehe vom Tunesier nach wie vor eine grosse Gefahr aus. «Er ist möglicherweise bewaffnet, verletzt und bereit, zu töten.» Heil hält die Anschlagsgefahr für hoch, ruft aber dennoch zur Besonnenheit auf: «Es besteht kein Grund zur Panik.»

Bei einer Reihe von Einsätzen in Berlin und Nordrhein-Westfalen wurde gestern nach dem Terrorverdächtigen gesucht. Im Berliner Stadtteil Moabit soll laut der «Berliner Zeitung» ein Moschee-Verein gestürmt worden sein, der im jüngsten Verfassungsschutzbericht als Treffpunkt von Islamisten geführt wird. Auch weitere Durchsuchungen, etwa in Fernbussen, führten nicht zum Erfolg. Derweil wandte sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Pressekonferenz mit ­lobenden Worten an die Bevöl­kerung. «Ich bin in den letzten ­Tagen sehr stolz gewesen, wie ­besonnen die grosse Zahl der Menschen auf diese Situation ­reagiert», sagte sie.