DEUTSCHLAND: Als die Revolte losbrach

Die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg vor 50 Jahren war eine Zäsur für die junge Bundesrepublik. Für den Zeitzeugen Alexander Kulpok ist der Fall noch immer nicht aufgeklärt.

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Am 2. Juni 1967 starb der Germanistikstudent Benno Ohnesorg, nachdem er mit einem Kopfschuss regelrecht exekutiert worden war. Ohnesorg wurde nur 26 Jahre alt. Der Tod des Studenten löste landesweite Studentenrevolten aus, welche das Land nachhaltig verändern sollten.

Der junge Westberliner war einer von bis zu 1000 Studenten, die gegen den Besuch des Schahs von Persien, Reza Pahlewi, in Westberlin demonstrierten. Für die linke Studentenschaft war der Schah ein erbarmungsloser Diktator, der aus dem Iran ein Terrorregime gezimmert hatte.

«Die Stimmung war den ganzen Tag über angespannt, aber nicht aggressiv. Die Studentenproteste hatten eher Event-Charakter», erinnert sich der heute 78-jährige Alexander Kulpok, der damals für den Sender «Freies Berlin» über den turbulenten Staatsbesuch berichtet hatte. Zur Tragödie kam es gegen 20.30 Uhr am Abend des 2. Juni. Zu diesem Zeitpunkt sah sich der Schah zusammen mit den hohen deutschen Gastgebern in der Oper Mozarts «Zauberflöte» an, draussen eskalierte die Gewalt.

Brutale Polizeigewalt gegen wehrlose Studenten

Die Studenten wurden von den Polizisten gewaltsam weggedrängt. Ohnesorg folgte einer Gruppe von etwa 40 Studenten, die in einen Innenhof geflüchtet waren. Der 26-Jährige wurde dabei Zeuge von brutaler Polizeigewalt gegen wehrlose Studenten. Er selbst, das zeigte später der Obduktionsbericht, wurde ebenfalls von Polzisten geschlagen.

Der in Zivil gekleidete Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras schoss gegen 20.30 Uhr aus nächster Nähe Ohnesorg ohne Vorwarnung und Grund in den Hinterkopf. Der 26-Jährige verstarb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

Zeitzeuge Kulpok erinnert sich an die damaligen Verhältnisse in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Der Staat war autoritär gegliedert, die Hierarchien klar geregelt, in der Politik gaben noch immer viele ehemalige, nie zur Rechenschaft gezogene Verbrecher des NS-Regimes den Ton an. Das Aufbegehren junger Menschen konzentrierte sich damals aber vor allem auf studentische Splittergruppen in Westberlin.

Der Fall Ohnesorg indes sorgte für eine landesweite Revolte un­ter Studenten. Für den Rundfunkjournalisten Kulpok war der Prozess gegen den Kriminalobermeister für die Radikalisierung eines Teils der Studentenbewegung mitverantwortlich. Zweimal – 1967 und in einem zweiten Prozess auch 1970 – wurde Kurras, von Beamtenkollegen durch Lügen und Vertuschungen gedeckt, freigesprochen. Das Gericht folgte der Argumentation, Kurras habe aus Notwehr gehandelt – obschon mehrere Zeugen ausgesagt hatten, der Kriminalbeamte habe ohne Bedrängnis seine Waffe gezückt. Kulpok, der zu den damals linken Anwälten Otto Schily, Horst Mahler sowie zur späteren RAF-Mitgründerin Ulrike Meinhof persönlich engen Kontakt pflegte, erinnert sich: «Es war für alle offensichtlich: Benno Ohnesorg wurde ermordet. Gegen die Verlogenheit der damaligen Autoritäten, die Vertuschungen im Prozess begehrten die jungen Menschen auf.»

Die Revolten der Studenten trugen in den folgenden Jahren dazu bei, dass sich die Bundesrepublik vom Mief der Nachkriegsjahre befreien konnte und sich in ein liberales Land verwandelte. «Diese enorme Tragweite war uns 1967 noch nicht bewusst», sagt Kulpok. Folge der auf das gesamte Land überschwappenden Studentenrevolten waren aber auch in den 1970er-Jahren gegründete radikale Gruppierungen wie die «Bewegung 2. Juni» und die Rote Armee Fraktion (RAF).

«Berliner Senat muss sich entschuldigen»

Erst 2009 stellte sich heraus, dass der im Jahr 2014 verstorbene Kriminalbeamte Kurras im Sold der DDR-Staatssicherheit stand und für sie als inoffizieller Mitarbeiter fungierte. Allerdings deutet bis heute nichts darauf hin, dass Kurras im Auftrag der Stasi gehandelt hatte. «Kurras war ein Waffennarr, linke Studenten und Kommunisten hasste er. Dem brannten einfach die Sicherungen durch», vermutet Kulpok.

Der Fall Ohnesorg lagert heute in den Archiven, abgeschlossen ist er nach Ansicht Kulpoks noch immer nicht: «Der Berliner Senat muss sich endlich bei den Hinterbliebenen von Benno Ohnesorg offiziell für diesen Mord entschuldigen.»

Christoph Reichmuth, Berlin