Deutsche Neonazi-Mörder hatten ein grosses Netzwerk

Die deutschen Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass mindestens 129 Neonazis zum Netzwerk der Zwickauer Terrorzelle gehörten, die zwischen 2000 und 2009 mordend durch Deutschland zog.

Fritz Dinkelmann
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BERLIN. Im kommenden Mai stellt der Ausschuss des Deutschen Bundestages, der die Aktivitäten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) untersucht, seine Arbeit ein – weil es so geplant ist. Ein Jahr lang mühte sich der Ausschussvorsitzende Sebastian Edathy (SPD) und sein Gremium redlich, Licht ins rechtsextremistische Dunkel zu bringen, das seit November 2011 politisch und kriminalistisch ausgeleuchtet werden soll. Allerdings sieht sich dieser Untersuchungsausschuss seit einem Jahr immer wieder von Verfassungsschutzämtern und anderen Sicherheitsbehörden ausgetrickst: Einmal wurden wichtige Unterlagen nicht geliefert, ein anderes Mal sind Dokumente «vorsortiert» worden – und immer wieder empörten sich die Vorsitzenden aller Parteien über die Geheimniskrämerei von Behörden, die nur unwillig kooperativ waren.

Prozess steht bevor

Trotzdem steht nach einem Jahr Aufklärungsarbeit fest, dass es ohne das spektakuläre Versagen von Polizei und Geheimdiensten kaum zu jener traurigen Mordserie gekommen wäre, welcher in den Jahren zwischen 2000 und 2009 neun türkisch- und griechischstämmige Kleinunternehmer sowie eine Polizistin zum Opfer fielen. Oft waren die Sicherheitsbehörden ganz nah dran am Mörder-Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, zum Greifen nah. Doch die Mordserie der NSU-Terroristen flog erst auf, als sich Mundlos und Böhnhardt am 4.November 2011 in die Luft sprengten.

Beate Zschäpe steht ab dem kommenden 17. April zusammen mit vier NSU-Aktivisten vor dem Oberlandesgericht München, angeklagt unter anderem des mehrfachen Mordes, begangen mit jenen, die sich selbst das Leben genommen haben.

Mehr Helfer als bisher bekannt

Schon seit geraumer Zeit ist klar, dass dieser Nationalsozialistische Untergrund ohne die Mithilfe anderer nicht so lange unentdeckt hätte töten können. Zuerst sprachen die Behörden von etwa 40 Personen, die dem NSU-Milieu zuzurechnen seien – seit diesem Wochenende gehen die Ermittler nun aber von 129 Personen aus, die als Mitwisser oder auch Mithelfer verdächtigt werden. Das Boulevardblatt «Bild am Sonntag» publizierte einen entsprechenden Bericht, den der NSU-Untersuchungsausschuss nun auswerten soll – in ein paar Wochen.

Wolfgang Wieland, Obmann der Grünen im NSU-Ausschuss des Bundestags, sagte dazu: «Es handelt sich um eine Liste der Personen, die mit den drei in Kontakt standen.» Weil der Generalbundesanwalt an der Erstellung dieser Liste beteiligt ist, kann davon ausgegangen werden, dass die jüngsten Erkenntnisse auch in den anstehenden Münchner Prozess einfliessen werden, möglicherweise mit der Konsequenz, dass noch weitere Personen wegen der NSU-Verbrechen angeklagt werden.

V-Leute im engsten Kreis?

Brisanter noch als die jetzt festgestellte, grössere Sympathisanten- und Helferszene des Nationalsozialistischen Untergrunds ist für manche Ausschussmitglieder im Bundestag freilich die Frage: Sind auch auch Verbindungsleute der Sicherheitsbehörden unter den aktuell 129 bekannten Mitwissern der Neonazi-Morde zu finden? Das ist keine Spekulation, sondern ein anscheinend so konkreter Verdacht, dass sich die Polizei und die Verfassungsschutzämter von Bund und Ländern seit vergangenem Donnerstag mit eben dieser Frage befassen müssen. Sollten V-Leute in der engsten NSU-Szene mitgewirkt haben, dann wäre dies «ein handfester Skandal», kommentierte das ARD-Fernsehen.

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