Der Waffenkult lebt weiter

In den USA sind nach dem Massaker von Newtown viele neue Waffen gekauft worden. Die Öffentlichkeit diskutiert die Sicherheitsfrage: Aufrüstung im Alltag oder schärfere Kontrollen?

Thomas Spang
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Zur Erinnerung an die Opfer: Engel am Schulweg von Newtown ins benachbarte Monroe. (Bild: ap/Jessica Hill)

Zur Erinnerung an die Opfer: Engel am Schulweg von Newtown ins benachbarte Monroe. (Bild: ap/Jessica Hill)

WASHINGTON. Der erste Schultag ist stets mit Aufregung verbunden. Erst recht für die Kinder der Sandy-Hook-Grundschule, für die nichts mehr ist, wie es war, ehe Adam Lanza Mitte Dezember in ihrer Schule ein Blutbad anrichtete. Am schmerzlichsten vermissen sie natürlich ihre 20 Mitschüler und sechs Lehrer, die Lanza mit einem Schnellfeuergewehr getötet hat. Auch können sie nicht in ihre alten Klassenräume zurück. Stattdessen fahren die gelben Schulbusse jetzt vor der Chalk Hill Middle School im zehn Kilometer entfernten Monroe vor. Im Eingang baumeln Schneeflocken aus Papier von der Decke, auf denen Menschen aus aller Welt ihre Anteilnahme am brutalen Geschehen ausdrückten.

Bewaffnete vor Schulhaus

«Wir müssen das beste aus der Situation machen», sagt Mutter Christine Wilford einem Reporter, als sie den 7jährigen Richie der neuen Schule anvertraut. Was sich auch geändert hat, sind die Sicherheitsvorkehren. Dazu gehören bewaffnete Beamte, die im Fall des Falles einen Nachahmungstäter stoppen könnten.

So will es die Waffenlobby National Rifle Association demnächst an jeder Schule haben. «Der einzige Weg, einen bösen Kerl mit einer Waffe zu stoppen, ist ein guter Kerl mit einer Waffe», propagierte NRA-Präsident Wayne LaPierre kürzlich an einer Medienkonferenz, in der die Organisation nach Tagen betretenen Schweigens in die Offensive ging.

Während die NRA teils scharf kritisiert wurde, strömten in Utah vor Weihnachten mehr als 200 Lehrer an eine kostenlose Ausbildung im Gebrauch einer Handfeuerwaffe. Auch der Andrang in den Waffenläden, an «Gun-Shows» und an Verkaufsmessen zeigt, dass die Botschaft des NRA-Chefs viele Anhänger hat.

Deutlich mehr Anträge

Laut Statistik der Bundespolizei FBI kletterten die gesetzlich vorgeschriebenen Überprüfungen («Background Check») für den Waffenkauf im Dezember auf einen neuen Rekord. Demnach gab es beim Zentralregister rund 2,8 Millionen Anfragen. Fast doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum. Für 2012 stieg die Zahl der «Background Checks» um ein Fünftel auf 19,6 Millionen. Niemand kann genau sagen, in wie viele Verkäufe dies mündete, da das FBI nicht erfasst, welche Waffen ein Bürger nach der Kaufgenehmigung tatsächlich erwirbt. Das trifft übrigens auch auf Privatverkäufe etwa an «Gun-Shows» zu, für die die obligatorische Prüfung entfällt. Diese machen immerhin 40 Prozent aller Waffenverkäufe in den USA aus.

Die Händler jedenfalls konnten sich zum Jahresende vor Ansturm kaum mehr retten. Etwa an der The Nations Gun Show vor den Toren Washingtons. Schnellfeuergewehre waren an der grössten Waffenmesse östlich des Mississippi bereits nach Stunden ausverkauft. «Obama ist unsere beste Werbung», sagt ein Händler, der die Preise für bestimmte Waffen verdoppelt und verdreifacht hat. «In 34 Jahren habe ich so etwas nicht erlebt», reibt sich Jerry Cochran die Hände, der in Virginia zwei Geschäfte betreibt.

Öffentliche Meinung gespalten

Dabei kann Obama nicht sehr viel mehr machen, als öffentlich für strengere Gesetze zu werben. Verändern lässt sich das Recht nur im Kongress. Dass er Reformen will, daran liess er keinen Zweifel. «Sandy Hook» sei «der schlimmste Tag meiner Präsidentschaft gewesen», sagte Obama in einem Interview zur Jahreswende. Er beauftragte seinen Vize Joe Biden, eine Massnahmenliste zu erarbeiten. Geschehen werde aber nur dann etwas, wenn die Amerikaner dies wirklich wollten.

Die öffentliche Meinung zur Handhabung des verfassungsrechtlich verbrieften Rechts, eine Waffe zu tragen, bleibt polarisiert. Nach einer PEW-Umfrage von Ende Dezember halten es 49 Prozent der Befragten für wichtiger, den Waffenbesitz zu regulieren, statt die Rechte der Waffenbesitzer zu schützen. 42 Prozent sehen es genau anders herum.

Die mächtige Waffenlobby NRA verweigert sich jeder Zusammenarbeit. Nach ihrer Logik hilft gegen Amokläufer und Gewalttäter nur die Aufrüstung der Bürger im Alltag.

Das Online-Journal «Slate» protokolliert auf einer Webseite die Konsequenzen einer hohen Waffendichte. Seit Newton hat das Magazin bereits 409 Tote durch Waffengebrauch in den USA erfasst. Die meisten Opfer werden von der Öffentlichkeit nicht beweint, wie die toten Kinder von «Sandy Hook». Und doch sprechen sie eine deutliche Sprache. 2012 kam für 32 000 Menschen in den USA der Tod aus dem Gewehrlauf.