Der Verlierer ist Bahrain

König Hamad verspricht nach den Massenprotesten in seinem Land erneut Reformen, verzichtet aber auf ein deutliches Zeichen der Versöhnung mit der schiitischen Opposition. Die Bevölkerung befürchtet nach dem Rennen eine Abrechnung.

Michael Wrase
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König Salman bin Hamad al-Khalifa verspricht Reformen; im Hintergrund F1-CEO Bernie Ecclestone. (Bild: epa/Srdjan Suki)

König Salman bin Hamad al-Khalifa verspricht Reformen; im Hintergrund F1-CEO Bernie Ecclestone. (Bild: epa/Srdjan Suki)

ISTANBUL/MANAMA. Seine Königliche Hoheit, Scheich Salman bin Hamad al-Khalifa, wirkte genervt. Als der Kronprinz von Bahrain vor dem Beginn des «Grossen Preis von Manama» in der Boxengasse gefragt wurde, wer sein Favorit für das so umstrittene Formel-1-Rennen sei, antwortete er trotzig: «Ich habe keine Favoriten. Der Gewinner ist Bahrain.» Dabei dürfte sich der rennsportbegeisterte Scheich vermutlich im klaren darüber sein, dass das Autorennen in seinem Königreich als eines der grössten PR-Desaster in die Geschichte der Formel 1 eingehen wird. Bereits gestern wurde – zumindest hinter vorgehaltener Hand – die Frage diskutiert, ob die Formel 1 auch im nächsten Jahr in die Geröllwüste von Sakhir kommen soll.

Inszenierte Normalität

«Vereint. Die Nation feiert» hatten die Veranstalter als offizielles Motto für die prestigeträchtige Veranstaltung ausgewählt. Das bahrainische Herrscherhaus wollte nach der blutigen Niederschlagung des schiitischen Volksaufstandes im letzten Jahr sein stark angekratztes Image aufpolieren und vor den Augen der Weltöffentlichkeit Normalität inszenieren.

Stattdessen hat Bahrain mit Salah Abbas Habib Musa seinen ersten Formel-1-Märtyrer. Der 36jährige Schiit wurde in der Nacht zum Samstag tot aufgefunden. Musa sei ermordet, «von der Polizei regelrecht totgeprügelt worden», behauptet die Opposition. Die Regierung spricht von «verdächtigen Umständen» und verbot den Familienangehörigen, den Leichnam gestern zu Grabe zu tragen.

Neue, emotionsgeladene Massendemonstrationen sollten vor Beginn des «Grossen Preises von Manama» verhindert werden. Dennoch gingen vor dem Rennen erneut Tausende in den schiitischen Dörfern unweit des Parcours auf die Strassen.

Gedrückte Stimmung

Vor laufenden Kameras wurden Autoreifen aufgeschichtet und angezündet. Aktivisten versuchten die zur Rennstrecke führenden Autobahnen zu blockieren – was zwar misslang. Der «Grand Prix» konnte pünktlich gestartet werden. Die Stimmung unter den Veranstaltern war jedoch gedrückt, weil es der schiitischen Bevölkerungsmehrheit in den Vortagen höchst eindrucksvoll gelungen war, auf die anhaltenden Repressionen in dem Inselkönigreich am Persischen Golf aufmerksam zu machen.

Die Folgen der anlässlich des «Grand Prix» proklamierten «Tage des Zorns» werden nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht verheerend sein. Der König von Bahrain bemühte sich daher bereits vor dem Start des Rennens um Schadensbegrenzung und versprach Reformen. Er werde sich persönlich um «Aussöhnung in unserem grossartigen Land» bemühen, verkündete Hamad bin Isa al-Khalifa. Die Tür für einen «ernsthaften Dialog ist immer offen», betonte der Monarch. Auf ein deutliches Signal der Versöhnung an die Opposition verzichtete er jedoch. Er hätte den bahrainischen Oppositionsaktivisten Abdulhadi al-Khawaja begnadigen können. Der 53-Jährige wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er, wie inzwischen fast die gesamte Opposition, die Proklamation einer Republik gefordert hatte. Khawaja befindet sich seit 71 Tagen in einem Hungerstreik. Sein Gesundheitszustand ist höchst kritisch. Sollte er sterben, dann hätte die bahrainische Opposition einen weiteren Märtyrer, und die Proteste würden eskalieren.

Tiefer Graben

Das Angebot eines «ernsthaften Dialogs» Seiner Königlichen Hoheit könne man nicht ernst nehmen, sagte eine schiitische Ärztin dem Fernsehsender «Al Jazira». Derartige Versprechen mache das Herrscherhaus seit zwei Jahrzehnten. Geändert habe sich aber nichts. Der Graben zwischen der sunnitischen Herrscherklasse und der schiitischen Bevölkerungsmehrheit werde immer tiefer. Wenn die Formel-1-Karawane weitergezogen sei, befürchtet die junge Frau, sei mit einer «grossen Abrechnung» zu rechnen, die dann unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit stattfinden werde.