Der Verlierer heisst Russland

Das Blutbad im Moskauer Flughafen wirft ein Schlaglicht auf die innere Verfassung Russlands. Auch wenn die Täter wahrscheinlich kaukasische Islamisten sind, erklärt dies allein noch nichts. Von Walter Brehm

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Flughafen Domodedowo: Seit elf Jahren Trauer um Terroropfer. (Bild: ap/Sergey Ponomarew)

Flughafen Domodedowo: Seit elf Jahren Trauer um Terroropfer. (Bild: ap/Sergey Ponomarew)

Zuerst war es ein Mann mit arabischem Aussehen, dann eine Frau in einer Burka, die als wahrscheinliche Täterschaft präsentiert wurden. Ob Frau oder Mann, der Verdacht ist klar: Den Suizid-Anschlag im Moskauer Flughafen Domodedowo sollen islamistische Terroristen aus dem Nordkaukasus verübt haben. Es ist ein bekannter Reflex der Behörden nach jedem Attentat in der russischen Hauptstadt – aber es ist auch die wahrscheinlich richtige Spur.

Seit nunmehr elf Jahren erschüttern regelmässig blutige Terroraktionen die Hauptstadt Moskau. In den meisten Fällen konnte im nachhinein die Urheberschaft kaukasischer Extremisten nachgewiesen werden – mehrheitlich durch zynische Bekenntnisse der Drahtzieher, seltener durch saubere Ermittlung der russischen Sicherheitskräfte. Auch dieses Mal verweist vor allem der Einsatz des eigenen Lebens des Attentäters oder der Attentäterin auf einen islamistischen Hintergrund. Weder Geheimdienstkreise – die schon mehrmals in Verdacht standen – noch Mafiagruppen oder rechtsextreme Nationalisten sind dazu bereit. Ihnen fehlen das Heilsversprechen und der Märtyrer-Glaube an ein Leben nach dem Tod im Paradies.

Der Fremdenhass und…

Und doch: Auch wenn die Täterschaft mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zugewiesen werden kann, erklärt dies nichts und beruhigt niemanden. Im Gegenteil. Der Terror folgt dem immergleichen Muster, das auch die russische Regierung nicht mehrt negieren kann. Es heisst: Schlag und Gegenschlag. Die kaukasischen Islamisten haben den Terror nach Moskau getragen, um dessen Bevölkerung die Brutalität der russischen Macht in ihrer Region vor Augen zu führen. Dass sie dabei die Sicherheit Hunderttausender Kaukasier, die in Moskau und im ganzen russischen Stammland leben, zur Disposition stellen, kümmert die Terroristen nicht.

Die Wut vieler Russen richtet sich längst nicht mehr nur auf die Bombenleger in U-Bahn-Stationen, Schnellzügen und Theatern. Ziel des ebenfalls gewaltbereiten Unmuts sind längst die «Schwarzen», die Zuwanderung aus dem Kaukasus als Ganzes.

…Moskaus Verantwortung

Da hat die Propaganda der «gelenkten Demokratie» mit dem steten Generalverdacht gegen die Kaukasier – ohne selbstkritischen Hinweis auf die russische Gewaltpolitik in der Region – ganze Arbeit geleistet. Die Schreckensbilder sind noch frisch: Im Januar zogen Hunderte jugendliche Nationalisten marodierend durch Moskau und machten Jagd auf Kaukasier oder auf Passanten, die kaukasisch aussahen.

So wohlfeil das Schweigen Moskaus gegenüber dem wachsenden Fremdenhass lange war, holt es nun Präsident Medwedew und auch Wladimir Putin, die Schwarze Eminenz der Macht, erkennbar ein. Die russische Souveränität über den Kaukasus zu behaupten, gleichzeitig aber die Menschen der Region aus der russischen Gemeinschaft auszuschliessen, ist Ursache und Motor des sich stetig radikalisierenden Terrorismus. Moskaus Machtpolitik kommt sich zunehmend selber in die Quere.

Olympia und Fussball-WM

Nach dem Blutbad von Domodedowo hat dies ein Plakat in der Ankunftshalle des Flughafens zynisch verdeutlicht: «Willkommen zu den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi» stand da zu lesen. Und erst vergangenen Sonntag hatte sich Premier Putin mit Fifa-Präsident Sepp Blatter getroffen, dessen Verband Russland als Gastgeber für die Fussball-Weltmeisterschaft 2018 erkoren hat. Dies sind Daten, die auch die Terroristen im Kopf haben dürften – ebenso wie die Parlamentswahlen Ende dieses Jahres und die darauffolgenden Präsidentschaftswahlen. Da hallt die Internet-Drohung des kaukasischen Extremistenführers Umarow an die russische Bevölkerung auch für künftige Gäste aus aller Welt nach: «Der Krieg wird in eure Strassen kommen, und ihr werdet ihn direkt in eurem eigenen Leben erfahren.»

Späte Erkenntnis Medwedews?

Eine auch respektierte Demokratie, die sich als sicheres Gastland für internationale Grossanlässe empfehlen kann, ist in Russland nicht vorstellbar, solange Moskau die vom Kaukasus ausgehende Gewaltspirale nicht stoppen kann.

Im Reigen der offiziellen und offiziösen Reaktionen auf den Terroranschlag von Domodedowo war die Zurückhaltung von Präsident Medwedew auffällig. Er hat sich bisher mit konkreten Hinweisen auf kaukasische Terroristen zurückgehalten, versprach lediglich, die Täter zu finden und zu bestrafen. Dahinter steht im besten Fall die späte Einsicht, dass die Schuldzuweisung allein nicht mehr genügt, dass Moskaus Kaukasus-Politik gescheitert und das dahinterstehende Problem so komplex ist, dass es Russlands Zusammenhalt und sein internationales Gewicht in Frage stellt.

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