Corona, Ölpreis, Zoff mit Trump: Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman gerät immer stärker unter Druck

Saudi-Arabien kämpft gleich mit mehreren Krisen. Für den Kronprinzen und seine ambitionierten Zukunftspläne wird es immer enger.

Martin Gehlen aus Tunis
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Immer stärker unter Druck: Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman.

Immer stärker unter Druck: Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman.

Bild: Amr Nabil/AP

Für Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman jagt derzeit eine Hiobsbotschaft die nächste. Das Coronavirus lähmt das Königreich, im Staatsetat klafft durch den Verfall des Ölpreises ein Rekorddefizit.

Zusätzlich plagt Saudi-Arabien eine hausgemachte Multikrise – Jemenkrieg, Qatar-Zerwürfnis und Krach mit Donald Trump, Repressionen und Machtkämpfe in der Herrscherfamilie. Die durch den herrischen Thronfolger heraufbeschworenen Probleme türmen sich mittlerweile so gewaltig, dass selbst seine «Vision 2030» ins Wanken kommen könnte, die Saudi-Arabien auf die Zeit nach dem Öl vorbereiten soll.

«Das Königreich war seit Jahrzehnten nicht mit einer solchen Krise konfrontiert – finanziell und gesundheitlich», warnte Finanzminister Mohammed al-Jadaan Anfang der Woche und kündigte den Bürgern milliardenschwere Mehrbelastungen an. Der Löwenanteil entfällt mit 25 Milliarden Dollar auf die 2018 eingeführte Mehrwertsteuer, die mit einem Schlag von 5 auf 15 Prozent erhöht werden soll. Sogar die Megaprojekte der «Vision 2030» müssen Federn lassen, ohne dass bisher Details bekannt sind. Hier sollen acht Milliarden Dollar gestrichen werden.

Wer Kritik auf Twitter postet, den erwarten drakonische Strafen

Mit diesem ambitionierten Reformprogramm will MBS, wie der Thronfolger im Volk heisst, seine Heimat in die Moderne führen und das Wirtschaftssystem weg vom Öl auf neue Fundamente stellen. Dazu erlaubte der 34-Jährige Frauen das Autofahren, öffnete den Arbeitsmarkt für die weibliche Bevölkerung und lockerte die Regeln für den Umgang von Frauen und Männern in der Öffentlichkeit. Kinos und Konzerte gehören erstmals seit Jahrzehnten wieder zum Freizeitangebot.

Diese Entkrampfung des Alltags macht den Kronprinzen vor allem bei seinen jungen Landsleuten beliebt. Umso unerbittlicher reagiert er auf Forderungen nach politischen Lockerungen, mehr Bürgerrechten, Versammlungsfreiheit, echter Kontrolle von Polizei und Justiz oder Einschränkung der königlichen Allmacht. Wer dazu auch nur ein paar Zeilen auf Twitter postet, riskiert drakonische Strafen für sich und seine Angehörigen.

Nach der Türkei und Iran die meisten Infizierten

Die Coronapandemie bekommt das Königreich bisher nicht in den Griff, auch weil das Virus überwiegend unter den zehn Millionen Migrantenarbeitern aus Indien, Pakistan und Bangladesch grassiert, die meist dicht gedrängt in Mehrbettzimmern hausen. Nach der Türkei und Iran hat Saudi-Arabien im Nahen Osten die meisten Infizierten. Das milliardenschwere Pilgergeschäft liegt bereits am Boden. Zum ersten Mal in der modernen Geschichte der Wüstenmonarchie könnte Ende Juli auch der Hadsch ausfallen.

Gleichzeitig droht das Ölgeschäft in systemkritischer Weise einzubrechen. Die Nachfrage sinkt ins Bodenlose, der Umstieg der Weltwirtschaft auf erneuerbare Energien dürfte sich nach der Pandemie deutlich beschleunigen. Die «magische Dekade» von 2003 bis 2014 mit ihren märchenhaften Öl-Profiten wäre ein für alle Mal Geschichte, ohne dass Saudi-Arabien auf diese Zäsur wirklich vorbereitet ist. Einen Vorgeschmack auf die neuen globalen Verwerfungen lieferte im April der von Mohammed bin Salman provozierte Ölpreis-Poker. Im Streit um künftige Fördermengen überwarf sich der ungestüme Kronprinz nicht nur mit Russlands Präsident Wladimir Putin, sondern auch mit seinem amerikanischen Gönner Donald Trump, der sogar mit einem Ende des strategischen US-Schutzes drohte.

Ähnlich verworren ist die Lage auch im Jemenkrieg, den der Kronprinz im März 2015 vom Zaun brach und bei dem ihm ein schmählicher Rückzug ins Haus steht. Die fünfjährige Schlacht gegen die vom Iran unterstützten Houthis ist gescheitert, verschlang Unsummen und richtete nach dem Urteil der Vereinten Nationen das «grösste humanitäre Desaster der Gegenwart» an.

Kritik aus dem Königshaus an dem Jemen-Drama drang lediglich einmal nach draussen, als Ahmad bin Abdulaziz, der letzte noch lebende Bruder von König Salman, in London gegenüber Demonstranten erklärte, für diesen Krieg sei nicht die gesamte Herrscherfamilie verantwortlich, sondern nur «bestimmte Personen und niemand sonst». Inzwischen sitzt der 78-Jährige hinter Gittern, zusammen mit dem ehemaligen Kronprinzen Mohammed bin Nayef und einem Dutzend weiterer Prinzen – für das Haus Al-Saud ein einmaliger Vorgang.