Der Terror und seine Gesetze

Intensiv sucht der französische Präsident François Hollande in diesen Tagen Verbündete gegen den Terrorismus. Mit diesem Terrorismus lebt die Welt schon lange. Aber ein Blick in die Geschichte gibt auch Hoffnung.

Rolf App
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Wie immer fängt es mit einer Finte an. Am späten Vormittag des 22. Juli 1946 fährt eine Gruppe arabischer Arbeiter vor dem King David Hotel in Jerusalem vor und lädt Milchkannen ab. Sie bringen sie zum Restaurant im Untergeschoss. Doch die britischen Sicherheitskräfte im Haus schöpfen Verdacht, es kommt zu einer Schiesserei, Menschen fliehen aus dem Hotel. Es ist ihr Glück. Um 12.37 Uhr detonieren die 350 Kilo Sprengstoff, die in den Milchkannen stecken.

Kein einziger britischer Soldat

Der Anschlag ist ein Werk der vom späteren israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin geführten radikal-zionistischen Terrororganisation Irgun. Er richtet sich gegen die britische Mandatsmacht, die im Hotel ihre Büros hat. Der Sicherheitsdienst hat zwar gewarnt, doch einzig der Stacheldraht rund ums Hotel ist verstärkt worden. Die Irgun erklärt später, sie habe die Sicherheitskräfte rechtzeitig informiert. Doch diese Anrufe werden nicht ernst genommen. Die Angaben der Zahl der Opfer reichen von 91 bis 176, der Grossteil ist arabischer Herkunft. Kein einziger britischer Soldat befindet sich darunter.

Trotzdem leitet der Anschlag auf das King David Hotel das Ende der britischen Herrschaft ein. Seit Ende 1944, als jüdische Terroristen Englands Hochkommissar in Ägypten ermordet haben, befinden sich die Briten in der Defensive. Sie verschanzen sich in gesicherten Wohnkomplexen, derweil entgleitet ihnen die Kontrolle über den kleinen Landstrich namens Palästina.

Frühe Selbstmordattentäter

Das Beispiel zeigt: Terroristische Kriegführung gehört schon lange zum Arsenal kriegerischer Auseinandersetzungen. Schon nachdem die Römer 2000 Jahre zuvor Palästina erobert haben, ersticht eine Gruppe von Widerstandskämpfern heimlich römische Beamte und jene Juden, die mit ihnen zusammenarbeiten. Und im 11. Jahrhundert praktiziert eine Sekte schiitischer Moslems eine frühe Form des Selbstmordattentats: Sie nähern sich Führungspersonen, erstechen sie in aller Öffentlichkeit – und werden hernach von deren Leibwächtern niedergemacht.

Mit Angst und Schrecken

Den Begriff Terror kennt man zu dieser Zeit noch nicht. Ihn erfindet die Französische Revolution. Der von Georges Danton und dann von Maximilien de Robespierre geleitete «Wohlfahrtsausschuss» lässt Verdächtige wahllos verhaften und hinrichten – bis sie selber unter der Guillotine enden.

Angst und Schrecken zu verbreiten: Das ist schon hier Sinn und Zweck des Terrors. «Terrorismus ist eine seltsame Kategorie von Gewalt», stellt Steven Pinker denn auch in seinem Buch «Gewalt» fest. Denn: «Hier ist das Verhältnis von Angst zu Schaden geradezu absurd.» Was allerdings die Terroristen selten abzuschrecken vermag.

Vor allem das späte 19. und das 20. Jahrhundert lassen den Terrorismus in vielerlei Gestalt aufblühen. Angefangen beim Anarchismus als eine mit Bombenangriffen auf Cafés, Parlamente, Konsulate und Banken praktizierte «Propaganda der Tat», der zahlreiche Herrscher zum Opfer fallen; über Widerstandsbewegungen in den von den Deutschen besetzten Gebieten im Zweiten Weltkrieg und die Befreiungskriege der Länder der Dritten Welt bis hin zu dem, was Pinker die «romantisch-politische Gewalt der 1960er- und 1970er-Jahre» nennt.

In den USA zählt er dazu die Black Liberation Army, die Weather Underground und die Symbionese Liberation Army. Letztere erregt Aufsehen, als sie 1974 die Zeitungserbin Patty Hearst entführt und dazu bringt, dass sie sich anschliesst und an einem Bankraub teilnimmt. In Europa gibt es zur selben Zeit die Irisch-Republikanische Armee, die Roten Brigaden in Italien, in Deutschland die Baader-Meinhof-Bande, in Spanien die ETA.

«Die meisten scheitern»

Steven Pinker hält diesen Terrorismus für wenig erfolgversprechend. «Die meisten Terroristengruppen scheitern, und alle sterben aus.» Er zitiert eine Untersuchung von 457 terroristischen Feldzügen seit 1968, welche die Politikwissenschafterin Audrey Cronin angestellt hat. Sie stelle fest, «dass Terrorismus praktisch nie funktioniert». Einen der Gründe dafür führt Pinker selber an: «Wenn Terroristengruppen frustriert sind, weil sie mit ihrem Anliegen nicht vorankommen und ihr Publikum sich immer mehr langweilt, eskalieren sie ihre Taktik. Sie suchen sich Opfer aus, die grössere Schlagzeilen machen.» Damit aber schrecken sie zugleich ihre eigenen Unterstützer ab.

Hitler wäre ratlos gewesen

Allerdings ist diese Betrachtungsweise unvollständig, worauf Martin van Creveld in «Die Gesichter des Krieges» aufmerksam macht. Richtet sich der Terror nämlich gegen eine Besatzungsmacht, dann hat er gute Chancen, wie etwa der Vietnamkrieg gezeigt hat. Van Creveld ist sich auch sicher, was geschehen wäre, wenn Hitlerdeutschland den Krieg gegen Russland gewonnen hätte. «Dann hätte die deutsche Wehrmacht, wie alle Besatzungsarmeen nach ihr, feststellen müssen, dass ihre leistungsfähigsten Waffen so gut wie nutzlos sind.»