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Der Tag, an dem alles möglich schien

Millionen Ägypter jubelten, als Hosni Mubarak vor einem Jahr zurücktrat. Seither sind viele Träume geplatzt. Drei Demonstranten erzählen, wie der Sturz des Diktators ihr eigenes Leben auf den Kopf stellte.
Der Kopte Sherif Refaat (Bild: sym)

Der Kopte Sherif Refaat (Bild: sym)

Millionen Ägypter jubelten, als Hosni Mubarak vor einem Jahr zurücktrat. Seither sind viele Träume geplatzt. Drei Demonstranten erzählen, wie der Sturz des Diktators ihr eigenes Leben auf den Kopf stellte.

Sherif Refaat sieht abgekämpft aus. Dreitagebart, Augenringe, müder Blick. Der 24-Jährige blickt auf den Morgenverkehr, der sich quer durch Sherifs Heimatquartier Shobra, dem Nilufer entlang, hinein ins Herz von Kairo zum Tahrir-Platz schiebt. Vor einem Jahr hat Sherif zu Fuss denselben Weg eingeschlagen, mit Tausenden anderen unzufriedenen Ägyptern. «Wenn ich einen Tag in meinem Leben rückgängig machen könnte, dann diesen», sagt er.

Als der Volksaufstand gegen Mubarak am 25. Januar 2011 ausbricht, zögert Sherif erst noch. Er ist Christ, er arbeitet als Fremdenführer. Von politischen Unruhen hat er mehr zu verlieren als andere. Doch lange kann sich der studierte Historiker der Magie der Massenproteste nicht entziehen: «Ich wollte dabei sein, als Geschichte geschrieben wurde.»

Die damalige Begeisterung ist erst Ernüchterung und dann Verzweiflung gewichen. Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit lauteten die Schlagworte der Revolution. Von allen drei Dingen gäbe es nun weniger als zuvor, klagt Sherif. Seine Arbeit hat er verloren, seit Bilder von blutigen Krawallen die Touristen auf Distanz halten. Soziale Gerechtigkeit? «Mit den Moslembrüdern im Parlament wird daraus nichts», prophezeit er.

Gegen die Islamisten hegt Sherif einen besonderen Groll. Seiner Meinung nach haben sie der Jugend die Revolution gestohlen und versuchten nun, die demokratischen Ideale mit ihren überholten Moralvorstellungen zu ersetzen: Sie möchten ein Ägypten schaffen, in dem er sich nicht mehr zu Hause fühle. Sherif möchte in die USA auswandern.

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In Abdel Nassers Stimme schwingt Begeisterung mit, wenn er vom Ausflug seiner Sektion der Moslembruderschaft erzählt. 500 Leute hätten an dem Treffen teilgenommen, gemeinsam gebetet und den Koran studiert. «Alles ganz legal», jubelt der 42-Jährige. Noch vor einem Jahr wäre so etwas undenkbar gewesen. Im Geheimen mussten sich die Anhänger der grössten islamistischen Bewegung des Landes in Privathäusern treffen, in kleinen Grüppchen, zehn bis zwanzig Leute, erinnert sich Abdel Nasser, seit zwei Jahrzehnten Mitglied der Bruderschaft.

Die Islamisten sind die grossen Gewinner der Revolution. Vor dem Umsturz unterdrückt, geben sie nun im gewählten Parlament den Ton an. «Sieg» will Abdel Nasser dennoch nicht in den Mund nehmen. «Nach 30 Jahren Mubarak sind wir alle Verlierer», sagt er stattdessen. Wirtschaftlich gesehen steht er heute schlechter da als vor einem Jahr. Der Umsatz seines Exportunternehmens für Baumaterialien ist eingebrochen, die ausländischen Interessenten bleiben fern. Dennoch hätten sich die Opfer, die er für den Widerstand gegen das Regime bringen musste, gelohnt: «Wir Moslembrüder haben mehr gelitten als die meisten. Deshalb haben uns die Menschen ihre Stimme gegeben.»

Abdel Nasser glaubt, dass Ägypten die Wende schaffen wird, auch wenn es noch viele Stolpersteine zu beseitigen gebe. Einer davon sei der Militärrat, der sich an die Macht klammere. Ein anderer die anhaltenden Proteste, hinter denen er ausländische Agenten vermutet. «Während des Aufstandes waren wir Demonstranten eine Hand, jetzt gibt es viele Hände.»

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Eine von denen, die noch immer demonstrieren, ist Amira Ahmed. 18 Jahre, Schülerin, Revolutionärin. Enge Jeans, kein Kopftuch. Amira lässt ihren wachen Blick über den Tahrir-Platz schweifen: das russgeschwärzte Gebäude der früheren Staatspartei. Das Parlament, in dem Polizisten noch vor wenigen Wochen Demonstrantinnen folterten. Amira war eines der Opfer. Die Polizisten hätten sie getreten und geschlagen, sie aber gehen lassen, als sie ihren Pass aus Kuwait sahen. Ihre Doppelbürgerschaft habe sie vor Schlimmerem bewahrt, sagt Amira. «Uns Frauen greifen sie ganz gezielt an. Sie wissen, dass sie die männlichen Demonstranten damit aus der Reserve locken.» Amira ist zwar erst volljährig geworden sein, doch sie hat das Vokabular und die Schlagfertigkeit eines erfahrenen Politikers: Der Militärrat? «Die Fortsetzung des Mubarak-Regimes.» Die Parlamentswahl? «Ein Theaterstück.» Die Moslembrüder? «Volksverführer.» Die heftigste Kritik spart sich Amira aber für die gewöhnlichen Bürger auf, die noch immer den Lügen der Staatsmedien Glaubten.

Bei der Frage, ob die Revolution das Land zum Besseren verändert habe, zögert Amira. «Die Revolution hat mich zum Besseren verändert», sagt sie schliesslich. Früher habe sie keine Ziele gehabt, sich von einer Party zur anderen gehangelt. «Jetzt kämpfe ich für mein Land», sagt sie stolz. «Und wenn ich dabei als Märtyrerin sterben sollte.»

Markus Symank, Kairo

Der Moslembruder Abdel Nasser (Bild: sym)

Der Moslembruder Abdel Nasser (Bild: sym)

Die Revolutionärin Amira Ahmed (Bild: sym)

Die Revolutionärin Amira Ahmed (Bild: sym)

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