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Der syrische Klaviervirtuose

Neil Tarabulsi flüchtete vor dem Krieg in Syrien. Nun wurde der 12-Jährige an der Musikhochschule München aufgenommen. Das Klavierspiel brachte er sich selber bei.
Christoph Reichmuth
Beeindruckt mit seinem Klavierspiel nicht nur seine Lehrer: Neil Tarabulsi. (Bild: Screenshot BR)

Beeindruckt mit seinem Klavierspiel nicht nur seine Lehrer: Neil Tarabulsi. (Bild: Screenshot BR)

Seine Finger tanzen über die Tastatur, mit geschlossenen Augen interpretiert Neil Tarabulsi Beethoven. Hätte man die Augen geschlossen, man würde kaum glauben, dass hier ein erst Zwölfjähriger am Piano sitzt. Neil Tarabulsi ist seit wenigen Wochen an der Jugendakademie für Hochbegabtenförderung in München eingeschrieben. Die meisten seiner Mitstudentinnen und Mitstudenten sind fünf Jahre älter.

Neil Tarabulsi ist ein Flüchtlingskind aus dem zerstörten syrischen Homs. Als die Kämpfe immer blutiger wurden, ergriff die vierköpfige Familie die Flucht, zuerst in ein kleines syrisches Dorf, von dort über die Türkei und Bulgarien nach Rumänien. Über einen deutschen Geschäftsmann, der im arabischen Raum zu tun hat und Verwandte der syrischen Familie kennt, erhielt Tarabulsi im vergangenen Dezember eine grosse Chance. In München durfte er bei Professorin Martina Bauer von der Jugendakademie für Hochbegabtenförderung vorspielen. Bauer erkannte das Talent sofort. «Seine Ausdrucksart und sein Wille, das ist es, was ihn so besonders macht für sein Alter», sagt seine Lehrerin.

Seine Geschichte mit der Flucht aus einem Bürgerkrieg ist bemerkenswert für sich. Die Art, wie sich Tarabulsi das Klavierspiel beigebracht hat, ist einzigartig. Neil war sechs Jahre alt, als ihm seine Eltern ein kleines Plastikkeyboard schenkten. Musikunterricht besuchte er nie. Im Internet schaute er sich auf Youtube Videos grosser Konzertpianisten an. Neil brachte sich Schritt für Schritt alles selbst bei, kopierte die Handbewegungen, die er auf den Youtube-Filmchen sah. Bald schon brach der Bürgerkrieg in Syrien aus, immer seltener hatte Neil Zugang zum Internet. Doch er spielte weiter, sooft es ging. «Ich komme aus einem Krieg. Dort ist keine Musik, kein Musiklehrer, kein Klavier», erzählt er Reportern des Bayerischen Rundfunks in gebrochenem Deutsch. «Ich höre eine Melodie, dann suche ich sie auf Youtube.»

Inzwischen geniesst Tarabulsi professionellen Unterricht an der Musikakademie, er paukt Theorie, besucht mit den deutlich älteren Mitstudenten Lektionen in Gehörbildung und Harmonielehre. Seine Lehrer sind beeindruckt. Neil Tarabulsi muss eine Passage ein einziges Mal hören, dann setzt er sich ans Klavier und spielt das Gehörte nach. «Neil ist ein ganz typischer Zwölfjähriger vom Verhalten her», sagt Martina Bauer. «Er vergisst seine Hefte. Er findet das Unterrichtszimmer nicht. Er lacht, wenn ihm etwas sehr peinlich ist. Aber wenn er spielt, ist er bei weitem reifer, älter, ernster. Und sehr ernstzunehmend als Künstler.» Seine Familie lebt seit Juni mit ihm in München. Neil Tarabulsi träumt davon, ein grosser Pianist zu werden. «Und dass ich die Menschen mit meiner Musik glücklich mache.»

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