Der Syrien-Konflikt erfasst mehr und mehr Libanon

Nach der Entführung eines Libanesen in Syriens Hauptstadt Damaskus destabilisieren schiitische Clans mit Entführungen das Nachbarland Libanon.

Michael Wrase
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Sheik Hassan Nasrallah (Bild: ap)

Sheik Hassan Nasrallah (Bild: ap)

LIMASSOL. Ein aus Paris kommender Airbus der Air France musste kurz vor der Landung in Beirut durchstarten. Aufgebrachte schiitische Bewaffnete hatten in der Nacht auf gestern die Strasse zum Flughafen mit brennenden Reifen blockiert und mit Gewehren wild in die Luft geschossen. Die Maschine musste schliesslich in Damaskus notlanden.

Dort war am Mittwochmorgen der Libanese Hassan al-Moqdad von Rebellen entführt worden. Der 27-Jährige sei ein Verbindungsmann der libanesischen Terrororganisation Hisbollah, behaupten sie. Tatsächlich ist Al Moqdad laut Beiruter Tageszeitungen ein steckbrieflich gesuchter Krimineller, der sich vor zwei Jahren nach Syrien abgesetzt hat. Er gehört zu einem der einflussreichsten Schiiten-Clans in der an Syrien grenzenden Bekaa-Ebene, gegenüber denen die staatlichen Sicherheitskräfte seit Jahrzehnten ohnmächtig sind.

Libanon ist gespalten

Der Moqdad-Clan reagierte sofort: Um die Freilassung Hassans zu erzwingen, brachten Angehörige ihrerseits über 40 Syrer und einen Türken in ihre Gewalt. Vier Syrer sollen gestanden haben, der «Freien Syrischen Armee» anzugehören; das Geständnis wurde ins Internet gestellt. Anschliessend stellte sich der Führer des Moqdad-Clans – von Armee und Polizei unbehelligt – der Presse und nannte Saudi-Arabien, Qatar und die Türkei als vermeintliche Drahtzieher der Entführer Hassans. Golfaraber und Türken in Libanon müssten nun ebenfalls mit ihrer Entführung rechnen, falls Hassan in Syrien nicht unverzüglich freigelassen werde.

Die arabischen Golfstaaten forderten darauf ihre Landsleute in Libanon zur sofortigen Abreise auf. Saudi-Arabien schickte Sondermaschinen nach Beirut, nachdem die Strasse zum Flughafen geräumt worden war.

Seit Beginn des Aufstands gegen das Assad-Regime ist Libanon gespalten: Die überwiegend mit der Hisbollah sympathisierenden Schiiten stehen dem Diktator in Damaskus näher. Die Sunniten warten sehnlichst auf dessen Sturz. Sie wissen, dass sich dadurch die Kräfteverhältnisse in der Region vermutlich zu ihren Gunsten verändern werden. Nicht wenige libanesische Sunniten unterstützen daher die syrischen Aufständischen mit Waffen und Geld. Mitglieder der Hisbollah dürften Assads Streitkräfte beraten und in Libanon versuchen, die Nachschubwege der Rebellen zu blockieren. Der brüchige Status quo, der nun durch das Auftreten der schiitischen Kidnapper-Clans in der Bekaa-Ebene gefährdet ist, soll aber bewahrt werden.

Hisbollah-Führer Nasrallah hat bislang darauf verzichtet, seine schiitischen Glaubensbrüder öffentlich zur Ordnung zu rufen. Der Druck auf den Geistlichen, endlich Farbe zu bekennen, wird aber stärker. Denn neben Hassan al-Moqdad warten in Syrien auch elf schiitische Pilger schon seit Wochen auf ihre Freilassung.

Mitgliedschaft suspendiert

Die Spaltung der islamischen Welt mit Blick auf Syrien zeigte sich in der Nacht auf gestern auch an einem Entscheid der Organisation der Islamischen Kooperation. Mit grossem Mehr beschloss die Organisation an ihrem Gipfel im saudi-arabischen Mekka, Syriens Mitgliedschaft zu suspendieren – nach «hitzigen Debatten», wie ein Diplomat sagte. Iran und Algerien hätten sich strikt gegen den Beschluss ausgesprochen.