Der Stratege der Versöhnung

Präsident Juan Manuel Santos hat in zähen Verhandlungen mit den Farc-Rebellen ein Friedensabkommen erzielt. Gestern stimmte das Volk darüber ab.

Sandra Weiss
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epa04258809 The President of Colombia and candidate for re-election Juan Manuel Santos (R) with his wife, Maria Clemencia Rodriguez (L) before casting their votes at a poll station during the second round of the presidential elections, in Bogota, Colombia, 15 June 2014. EPA/LEONARDO MUNOZ (Bild: LEONARDO MUNOZ (EPA))

epa04258809 The President of Colombia and candidate for re-election Juan Manuel Santos (R) with his wife, Maria Clemencia Rodriguez (L) before casting their votes at a poll station during the second round of the presidential elections, in Bogota, Colombia, 15 June 2014. EPA/LEONARDO MUNOZ (Bild: LEONARDO MUNOZ (EPA))

Alle seine Berater hätten ihm abgeraten, Friedensverhandlungen mit den Farc-Rebellen aufzunehmen, gestand Juan Manuel Santos neulich in einem Interview. Doch Kolumbiens Präsident tat, was er für richtig hielt – das Gegenteil. Kolumbien werde nur dann den Sprung ins 21. Jahrhundert schaffen, wenn die Gesellschaft ihre Konflikte nicht mehr gewaltsam austrage, war die Überzeugung des 65jährigen Ökonomen. Die öffentliche Meinung war gegen ihn, die vielen Nutzniesser des Krieges ohnehin. Die zähen Verhandlungen hätten Santos fast die Wiederwahl gekostet und belasteten seine Gesundheit. Es wurde die längste und schwierigste Partie im Leben des begeisterten Pokerspielers.

Doch nach fast vier Jahren zäher Verhandlungen war Ende August das Vertragswerk unter Dach und Fach. Gestern liess Santos die Bevölkerung darüber abstimmen, denn nur demokratisch legitimiert hat in seinen Augen der Frieden eine Chance. «Santos ist der kolumbianischen Realität weit voraus», sagt die Buchautorin Maria Alejandra Villamizar über ihn: «Er ist ein Politiker der ersten Welt in einem Drittweltland.» Geboren und aufgewachsen ist er im Schosse einer der reichsten Familien des Landes in der Hauptstadt Bogotá. Wegen seines Ehrgeizes und seiner raschen Auffassungsgabe wurde er schon früh für Höheres bestimmt. Nach seiner Ausbildung an der Militärakademie schickte ihn sein Vater an die London School of Economics und nach Harvard. Anschliessend kehrte er als stellvertretender Herausgeber der im Familienbesitz befindlichen, grössten Tageszeitung des Landes «El Tiempo» nach Kolumbien zurück. Gleichzeitig unterrichtete er Wirtschaftswissenschaften an der Universität de los Andes und zählte nach Auffassung des Weltwirtschaftsforums in Davos zu den 100 wichtigsten Nachwuchskräften der Welt. Zusammen mit dem ehemaligen britischen Premier Tony Blair verfasste er ein Buch über den «Dritten Weg».

Später wurde er der erste Aussenhandelsminister des Landes und schloss mehrere Freihandelsverträge, dann lenkte er das Finanzministerium. 1994 gründete er die Stiftung «Gute Regierung», um die klientelistische Politik zu modernisieren. Der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde er als knallharter Verteidigungsminister unter dem rechtspopulistischen Präsidenten Alvaro Uribe, dem Santos von 2006 bis 2009 diente. Mit Santos schien die konservative Kontinuität garantiert, so fiel Uribes Nachfolger-Wahl auf ihn. Problemlos errang Santos 2010 den Sieg bei der Präsidentschaftswahl. Der Bruch mit Uribe kam, als Santos Friedensgespräche ausgerechnet mit der Guerilla begann, die einst Uribes Vater ermordet hatten.

Privat gilt Santos als guter Gastgeber und Unterhalter, der gerne mit Freunden bis tief in die Nacht feiert. In seiner Freizeit spielt der dreifache Familienvater gerne Golf. Im Poker gilt er als harter Brocken: Santos sei ein kühl kalkulierender Stratege, bescheinigt ihm sein Schwager Mauricio Rodríguez.