Der Statthalter will nun Präsident sein

Afghanistans Präsident Karzai droht, eine Offensive der internationalen Truppen gegen die Taliban zu blockieren. Der Westen wirft ihm vor, die Hand zu beissen, die ihn füttert. Doch der paschtunische Politiker plant sein politisches Überleben nach dem Nato-Abzug. Von Walter Brehm

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Hamid Karzai (Bild: epa)

Hamid Karzai (Bild: epa)

Als Stadtpräsident Kabuls von Washingtons Gnaden belächelt, beansprucht Hamid Karzai plötzlich zu sein, was er bisher nicht war: Präsident Afghanistans. Vor 1500 paschtunischen Stammesältesten hat er am Sonntag seine westlichen Verbündeten irritiert. Er versprach den Clanfürsten, die für den Sommer geplante Grossoffensive gegen die islamistischen Rebellen in deren Hochburg rund um Kandahar zu blockieren, wenn die paschtunische Bevölkerung diese ablehne.

Geteilte Reaktionen

In Washington erklärte Robert Gibbs, Sprecher von Präsident Obama, im Namen des amerikanischen Volkes: «Wir sind enttäuscht.» In Afghanistan notierten Hunderte auf Internetseiten: «Bravo, Herr Karzai. Wir sind stolz auf Ihre Rede.» Andere zeigten sich besorgt: «Afghanistan ist auf die militärische und finanzielle Unterstützung des Westens angewiesen.» Dessen ist sich auch Robert Crowley, Sprecher des US-Aussenministeriums, sicher. Er nennt die Rede Karzais kurz und bündig «eine Angeberei».

Absehbare Realität

Dem Westen mag Karzais Drohung grosssprecherisch und vor allem ärgerlich erscheinen. Dieser jedoch muss auf eine absehbare Realität reagieren. Auf dem Tisch liegt die Planung der Nato, ihre Truppen ab 2012 aus Afghanistan abzuziehen. Dann ist Karzais zweite Amtszeit erst zur Hälfte abgelaufen. Möglich, dass es den Amerikanern und ihren Alliierten bis dato gelingen wird, die Taliban militärisch zu schwächen. Die Islamistenguerilla wird jedoch nicht einfach verschwinden.

Und die afghanische Nationalarmee wird bis dann kaum in der Lage sein, das militärische Vakuum aufzufüllen. Will Karzai politisch überleben, muss er dafür jetzt die Voraussetzungen schaffen.

Während die alliierten Offensiven planen, will Karzai die Verbreiterung seiner Machtbasis organisieren. Und wo sonst soll er Unterstützung suchen als in seiner Volksgruppe, bei den Paschtunen.

Dort reicht der Widerstand gegen die «fremde Besatzung» aber weit über die Kampfverbände der Taliban hinaus.

Die Rückkehr der Warlords

In einer Grossen Ratsversammlung (Loja Jirga) will Karzai den Milizenführer Gulbuddin Hekmatyar in seine Regierung integrieren. Allein um dies zu erreichen, musste Karzai in seiner innenpolitischen Logik gegen den Ruch anreden, er sei nur eine Marionette der ausländischen Mächte. Der berüchtigte paschtunische Warlord Hekmatyar ist nicht weniger amerikafeindlich als die Taliban.

Der Westen mag Karzai zu Recht Undankbarkeit vorwerfen. Er sollte aber sein eigenes Zutun zur Kehrtwende des bisher gefügigen Statthalters nicht vergessen.

Mitschuld des Westens

Die internationale Gemeinschaft hat Karzai im vergangenen Jahr erlaubt, die Präsidentschaftswahlen massiv zu manipulieren. Sie hat zudem darauf verzichtet, den Paschtunen in eine Regierung der «Nationalen Einheit» mit seinem tadschikischen Rivalen Abdullah Abdullah zu drängen. Karzai bleibt also in seiner Logik nur ein Bündnis mit Hekmatyar und zumindest Teilen der Taliban.

Tadschiken und Usbeken stehen ihm als Mehrheitsbeschaffer nicht mehr zur Verfügung.

Westliche Politiker müssen nun ihren Wählern vermitteln, dass ihre Soldaten nur noch für einen mehr oder minder ehrenvollen Abzug kämpfen und sterben. Bitter – vor allem für Afghanistans Frauen – ist aber die Aussicht auf eine künftige Regierung, die paschtunische Männerehre wieder klar vor Menschen- und Frauenrechte stellen wird.

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