Der Schweizer in Hollande

François Hollande weilt ab heute auf Staatsbesuch in Bern. Den französischen Präsidenten verbindet mit der Schweiz mehr, als man vermuten könnte.

Stefan Brändle
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François Hollande gilt als pragmatisch und gesellig – und wird für seine Bodenständigkeit «Monsieur Normal» genannt. (Bild: ap/Martin Bureau)

François Hollande gilt als pragmatisch und gesellig – und wird für seine Bodenständigkeit «Monsieur Normal» genannt. (Bild: ap/Martin Bureau)

Man ist Nachbar, grüsst sich über den Gartenzaun, trifft sich auf Ministerebene sogar recht häufig, um gemeinsame Fragen zu besprechen. Die eigentlichen «Hausherren» sehen sich aber kaum: François Mitterrand kam 1983 auf Staatsbesuch in die Schweiz, Jacques Chirac 1998, Nicolas Sarkozy gar nie. François Hollande nimmt die gutnachbarliche Tradition wieder auf. Ausser von einigen Ferienbesuchen als Kind am Genfersee kennt er die Schweiz kaum. Und auch die Schweizer kennen ihn schlecht. Mitterrand, das war der Sozialist, der über den anderen schwebte; Chirac der Strippenzieher, dem man nicht richtig böse sein konnte, und Sarkozy der Zappelmeister mit dem Napoleon-Touch. Aber Hollande?

Liebeswirren und Funkstille

Selbst die Franzosen wissen nicht so recht, wen sie ins Elysée entsandt haben. Sie wählten Hollande vor allem, weil sie Sarkozy nicht mehr wollten und mit Kronfavorit Dominique Strauss-Kahn nicht mehr konnten. Gewiss, Hollandes Lebensdaten sind bekannt: In der Normandie als Sohn eines reaktionären Arztes aufgewachsen; Absolvent der Eliteschule ENA, die ihm zu seiner langjährigen Lebenspartnerin Ségolène Royal, vier Kindern und einem Beraterposten unter Mitterrand verhalf; langjähriger Sekretär des Parti Socialiste und seit 2012 siebter Staatschef der Fünften Republik.

Sein Privatleben ist für viele ein Rätsel. Von Royal und ihrer Nachfolgerin Valérie Trierweiler hat er sich getrennt – doch ist er noch mit seiner Geliebten, der Schauspielerin Julie Gayet, zusammen? Ist er überhaupt noch «accompagné», in Begleitung? Diesbezüglich herrscht im Elysée Funkstille. In der Öffentlichkeit tritt Hollande in letzter Zeit stets allein auf, und so wird er auch in die Schweiz kommen.

Menschenverstand und Mass

Und politisch? Hollande ist Sozialist, er wurde mit einem linken Programm gewählt. Aber seit der Erfüllung einiger Wahlversprechen betreibt er eine betont unternehmensfreundliche Wirtschaftspolitik; gegen den linken Flügel seiner eigenen Partei muss er sich heute stärker wehren als gegen die Angriffe der bürgerlichen Grosspartei UMP. Mit deren Gründer Chirac verbindet ihn eine herzliche Beziehung über die Parteigrenzen hinaus. Der Alt-Gaullist und der Realo-Sozialist haben in der Corrèze tief im Herzen Frankreichs eine gemeinsame Bastion. Ein guter Kenner jener ländlichen Region am Fuss des Zentralmassivs meinte einmal, diese beiden Urgesteine französischer Politik seien ihrem Naturell nach «rad-soc», das heisst «radikalsozialistisch» – was entgegen dem Wortsinn so viel bedeutet wie die gemässigte bäuerliche Mitte. Jene, die sich nicht nach Parteien und Ideologien ausrichtet, sondern nach dem «bon sens», dem gesunden Menschenverstand, und der «mesure», dem Mass.

Diese Corrèze-Mentalität ist der Schweiz natürlich alles andere als fremd. Deshalb konnte zum Beispiel François Mitterrand so gut mit alt Bundesrat Adolf Ogi. Auch sie trennten politisch Welten; doch der Wahlmonarch aus dem Pariser Schmelztiegel hatte seine Wurzeln auch in dem bäuerlichen Cognac-Gebiet und seine Hochburg in der Nièvre im ebenmässigen Burgund.

Keine Polemik gegen die Schweiz

Aus diesen Gründen ist zu erwarten, dass sich Hollande in der Schweiz wohl fühlen wird. In der richtigen Schweiz, nicht in ihrem Klischee. Gerade bei der französischen Linken ist «la Suisse» gleichbedeutend mit einem «coffre-fort» (Banksafe), einem Schwarzgeldparadies, und Hollandes Minister kämpften EU-intern an vorderster Front, um das eidgenössische Bankgeheimnis auszuhebeln. Doch anders als Sarkozy polemisierte der sozialistische Präsident nie gegen die Schweiz – obwohl er einmal erklärt hatte, er möge die Reichen nicht, und obwohl er die Hochfinanz zu seiner Hauptgegnerin stilisiert hatte. Hollande liess zwar nicht locker, bis Bern den automatischen Informationsaustausch akzeptiert hatte; das geschah aber vor allem, weil er wirtschaftspolitisch mit dem Rücken zur Wand steht und unbedingt Steuergelder für die leere Staatskasse braucht.

Man darf Hollande nicht unterschätzen: Der 60-Jährige weiss, was er will, und er bringt seinen Schweizer Nachbarn keine fiskalpolitischen Geschenke mit. Aus wahlpolitischen Rücksichten denkt er eher an seinen linken Parteiflügel und an den französischen Fiskus, der nach neusten Schätzungen bereits zwei Milliarden Euro an Fluchtgeldern aus der Schweiz repatriiert hat. Bei all dem bleibt Hollande aber der Pragmatiker, der er ist, empfänglich für etwas, was eher der schweizerischen als der französischen Politmentalität entspricht: den politischen Kompromiss, die Suche nach dem Konsens.

Nicht nur deshalb besteht berechtigte Hoffnung, dass Hollande der Kontakt zu seinen Schweizer Gesprächspartnern (s. Kasten) leichtfallen wird. «Monsieur Normal», wie man ihn im überheblichen Paris geringschätzig nennt, ist wohl der erste Präsident der Fünften Republik, der auf das monarchische Protokoll und den goldenen Prunk im Elyséepalast pfeift. Der Swatch-Träger und Liebhaber von Pommes frites und Cola light erzählt gerne, dass er in den ersten drei Tagen nach seiner Wahl im Präsidentensitz an die Türen klopfte, bevor er in ein Büro trat. Den Funktionären blieb der Mund offen: Der grosse Präsident bittet um Einlass! Sogar eine subalterne Umweltministerin wie Ségolène Royal lässt an ihrem Arbeitsort einen Lakaien vor sich herschreiten, der ihr die Türen öffnet. Dass Hollande mit den Allüren des Ancien Régime nichts am Hut hat, zeigte er auch vor einem Jahr, als er seinen Spezialberater Aquilino Morelle Knall auf Fall entliess – weil sich dieser nicht nur von der Pharmaindustrie aushalten, sondern auch seine Luxusschuhe von einem eigens ins Elysée bestellten Schuhputzer polieren liess.

Kampf um Wiederwahl 2017

Nein, der redliche Staatspräsident ist kein Protzer, kein Übertreiber, und das ist auch der Grund, warum man ihn in Frankreich so gerne unterschätzt, zum Teil gar verachtet. Der scheinbar so joviale Bonvivant wird 2017 mit zäher Energie und taktischer Gewitztheit um seine Wiederwahl kämpfen. Angesichts der Wirtschaftsflaute und der Rekordarbeitslosigkeit in seinem Land hat er allerdings schlechte Karten. Und man muss es sagen: Hollande hat vielleicht nicht das Zeug – Charisma und Autorität –, um das nichtreformierbare Frankreich wieder auf Kurs zu bringen.

Fast scheint der Elyséepalast eine Nummer zu gross für den gutmütigen und geschäftigen Ex-Parteisekretär. Besser aufgehoben wäre er im Departementsrat Corrèze, den er von 2008 bis 2012 souverän leitete. Oder, wenn man es bedenkt, warum nicht in der Schweizer Politik? Mit seiner unaufgeregten, geselligen und pragmatischen Art und seinen gemässigten Ansichten würde er sich gut als Ständerat eines Schweizer Landkantons machen. Umso mehr gilt: Bienvenue en Suisse, Monsieur le Président!

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